Werther – Lila Chrisp, Sahel Salam © Philip Frowein
Der Werther in Freiburg: Eine klanggewaltige Verfolgungsjagd
Gute Zeiten, schlechte Zeiten …
So überschreibt das Theater Freiburg die neue „Werther“ Inszenierung. Ich habe die Serie nie gesehen, aber anscheinend sieht ihr Drehbuch auch viele gute Zeiten vor. Johann Wolfgang von Goethe hatte andere Pläne für Charlotte und Werther. Und das Theater Freiburg schließt sich mit einer kammerspielartigen Inszenierung an.
Jules Massenet, Werther
Libretto von Édouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann nach Johann Wolfgang von Goethe
Musikalische Leitung: Thomas Schmieger
Leitung Kinder- und Jugendchor: Elisa Brunnenkant
Philharmonisches Orchester Freiburg
Kinder- und Jugendchor des Theater Freiburg
Statisterie des Theater Freiburg
Eine Produktion der Staatsoper Stuttgart
Theater Freiburg, 24. Oktober 2026
von Kathrin Beyer
So kommt es, dass ich mich an diesem Abend mehrfach frage, welche guten Zeiten wohl gemeint sind.
Alle heiteren Momente, die in der Originalfassung durch Johann und Schmidt, ihres Zeichens Saufkumpane des Amtmannes, entstehen, sind entfernt worden. Übrig bleiben nur die verzweifelten Zeiten. Und da Massenet eine (in meinen Ohren) geniale Musik zu der Geschichte um Werther und Charlotte komponierte, könnte der Abend sehr emotional werden.
Zur Erinnerung: Charlotte ist Albert versprochen, vergisst dies für einen Abend in Werthers Gesellschaft, beide werden in die Realität zurückgeholt und am Ende sind alle unglücklich. Werther, der die Welt mit träumerischem und verklärtem Blick sieht, kann mit dieser Realität nicht umgehen und entzieht sich ihr durch Suizid.
Charlotte muss mit dem Verlust weiterleben, Alberts Leben ist ebenfalls aus den Fugen geraten. Sophie, die Werther auch sehr mag, bleibt ebenfalls zurück.
Die Inszenierung von Felix Rothenhäusler konzentriert sich sehr konsequent auf „Liebe im Ausnahmezustand“ und emotionale Intensität. So oder so ähnlich liest man es.
Zur Umsetzung dieser Grundidee entwarf Katharina Pia Schütz als Bühnenbild eine große weiße Scheibe, weit in den Publikumsbereich hineinreichend; das Orchester befindet sich auf dem hinteren Teil der Bühne. Auf dieser Scheibe liegen ab und zu ein paar Blütenblätter, ansonsten ist sie leer. Es sei denn, Charlotte und Werther oder Charlotte und Sophie oder Werther und Albert oder Charlotte und Albert oder Sophie und Werther (alle in Kostümen der damaligen Zeit und mit einem Blumenstrauß in der Hand) umkreisen einander.
Und das tun sie permanent, den ganzen Abend, stets mit den Blumen in der Hand. Wie in einer Arena. Es entsteht der Eindruck einer ständigen und unerbittlichen Verfolgungsjagd. Jeder jagt jeden …

Im Vorfeld las ich, dass mit dem Publikum interagiert wird. Ich bin gespannt, kann mir das nicht recht vorstellen. Nun, es ist nicht schwierig. Einige der Darsteller sitzen im Zuschauerraum und betreten die Bühne von dort aus. Soll heißen, dass die Menschen, die in diesen Reihen sitzen, aufstehen müssen, um die Sänger oder Statisten durchzulassen. Mehrmals.
Dies und das ständige Umkreisen auf der Bühne, erzeugt eine Unruhe, die ich als zermürbend empfinde.
Das Regiekonzept lässt bei mir keine emotionale Intensität aufkommen. Ich, die noch keine Werther Aufführung ohne Tränen durchgestanden hat, bleibe emotional relativ unberührt. Es ist gut nachzuempfinden, was der Regisseur zum Ausdruck bringen möchte. Ich kann seine Intention verstehen, die Grundidee gut finden; dennoch hat die Umsetzung mich kaum bewegt.
Es gibt viele Kleinigkeiten, die mich irritieren. Wenn Charlotte zu Werthers Ende hin singt, dass seine Hände schon ganz kalt sind, sie allerdings zwei Meter von ihm entfernt steht und auf sein Sterben hinunterschaut, dann kommt mir die Frage in den Sinn, woher sie das wohl weiß.

Am Ende des zweiten Aktes, als Werther in einer wunderbar intimen und verzweifelten Arie das Thema Suizid und seine (durch die Kirche möglicherweise verwehrte) Beerdigung in geheiligter Erde besingt, kommen Statisten (aus dem Zuschauerraum) auf die Bühne, in moderner Kleidung, mit Smartphones, um zu gaffen und den Leidenden zu fotografieren, ihn zu berühren, an ihm zu riechen, unter ihn zu kriechen. Ich verstehe die Botschaft, dennoch hat mich diese Szene sehr befremdet und von der tiefen Hoffnungslosigkeit und der unheimlich berührendenen Musik abgelenkt.
Dass Werther und Charlotte sich aneinander abarbeiten steht außer Frage. Das hat dieses ständige Umkreisen wunderbar deutlich gemacht. Sie haben permanent darauf geachtet, sich nicht nahe zu kommen. Allerdings haben diese Momente der Nähe gefehlt, um deutlich werden zu lassen, warum ihnen das Abstandhalten so schwerfällt.

Der Gesang allerdings war wunderschön. Manchmal, wenn mir dieses Kreisen zu viel wurde, habe ich die Augen geschlossen und nur der Musik gelauscht.
Werther zu singen und zu spielen ist sicher eine Herausforderung. Besonders das Schauspiel kann zu tiefem emotionalem Mitgefühl oder aber auch zu Befremden beim Publikum führen.
Sahel Salam hat den Gesangspart wunderbar gemeistert. Wenn man ihm etwas vorwerfen möchte, dann wäre es die Tatsache, dass er manchmal zu viel Vibrato in seine Stimme legte. Sein lyrischer Tenor bestach durch ein weiches und helles Timbre. Er konnte sowohl die sanften, leisen, wie auch die dramatischen und leidenschaftlichen Töne überzeugend interpretieren.

Sein Schauspiel zeigte sich etwas einseitig und theatralisch. Die tiefe, verzweifelte Liebe vermochte er nicht glaubhaft darzustellen. Er legte den Werther als ständig zornigen, manisch Getriebenen an. Das geht nicht immer mit der Musik und seinem Gesang konform.
Lila Chrisp als Charlotte ist sängerisch eine Offenbarung. Ihr klangschöner, warmer Mezzo drückte eine emotionale Tiefe und Verzweiflung aus, der man sich nicht entziehen kann. Die dramatischen Ausbrüche meistert sie, ohne dass ihre Stimme Schönheit und Eleganz verliert.
Genösse ich den Gesang mit geschlossenen Augen, nähme ich großen Kummer und Seelenleid wahr. Leider behalte ich die Augen offen und so bemerke ich, dass Gesang und Körpersprache nicht harmonieren. Sie hat eine kühle, fast schon arrogante Ausstrahlung. Ich spüre keine Anziehung zwischen Charlotte und Werther und auch keine Verzweiflung über ihre missliche Lage.
Die Duette Charlottes und Werthers sind ein musikalischer Genuß.
Cassandra Wright schafft es, Sophie etwas Leichtes und Kindliches zu verleihen. Ihr heller, klarer Sopran passt gut zu dieser Rolle.
Jakob Kunath, in der Rolle des Albert, begeisterte mit einem sonoren, warmen Bariton.
Juan Orozco, als Amtmann und Vater von Charlotte, hat in Freiburg zwölf statt sechs Kinder. Er wird hier eher zur Randfigur reduziert, der autoritär in Ausstrahlung und Haltung ist. Selbst der Blumenstrauß wirkt in seinen Händen wie eine Drohung. Sein Bariton allerdings klingt wunderschön und zieht mich sofort in seinen Bann.
Der Kinder- und Jugendchor des Theater Freiburg singt zauberhaft.
Das Philharmonische Orchester Freiburg unter der Leitung von Thomas Schmieger zeigt sich in Bestform. Das Zusammenspiel mit den Sängern, das durch die Tatsache erschwert ist, dass das Orchester im hinteren Teil der Bühne platziert ist, klappt wunderbar. Nie entsteht das Gefühl, dass die Sänger sich gegen das Orchester behaupten müssen.

Das Ende ist rührselig.
Auf die Bühne regnet es rote Rosenblätter, sehr viele davon. Inmitten dieser Blütenblätter haucht Werthers Leben leise aus.
Das Freiburger Publikum ist begeistert. Die Sänger werden gefeiert, insbesondere Lila Chrisp und Sahel Salam.
Ich gehe, dank der tollen Sänger, erfüllt nach Hause.
Ungewohnt ist, dass ich kein verquollenes Gesicht und keine Schniefnase habe. Über die Inszenierung werde ich noch etwas nachdenken.
Alles in allem war der Abend eine gute Zeit.
Kathrin Beyer, 25. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Jules Massenet, Werther, Jonathan Tetelman Opernhaus Zürich, 10. Juli 2026
Jules Massenet (1842 – 1912), Werther Oper Frankfurt, 4. April 2026
Jules Massenet, Werther Oldenburgisches Staatstheater, 8. November 2025, PREMIERE