Das Braunfels-„Te Deum“ überwindet den Schrecken

Camilla Nylund,, Klaus Florian Vogt, Hansjörg Albrecht  Elbphilharmonie, Hamburg, 23. Juni 2026

Vogt, Nylund, Albrecht, Chor und Orchester, Photo: Andreas Ströbl

Als ein „berauschendes Klangfest der Stimmen“ wurde das sehr besondere Konzert am 23. Juni 2026 im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie mit Wagner-Vorspielen und vor allem dem „Te Deum“ von Walter Braunfels angekündigt. Vor allem aber war es die Würdigung eines Menschen und seines Schaffens, das nach viel zu langer Zeit mehr und mehr dem Vergessen entrissen wird – zu Recht!

Richard Wagner,  Tannhäuser-Ouvertüre, Parsifal- und Meistersinger-Vorspiel

Walter Braunfels,  Te Deum op. 32 für Soli, Chor, Orgel und Orchester

Camilla Nylund, Sopran
Klaus Florian Vogt, Tenor

Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg
Szczecin Philharmonic Orchestra
Johannes Unger, Orgel

Hansjörg Albrecht, Dirigent

Hamburg, Großer Saal der Elbphilharmonie, 23. Juni 2026

von Dr. Andreas Ströbl

Ein hochengagierter musikalischer Leiter

Konzerteinführungen sind eine wunderbare Sache; wenn aber der Dirigent persönlich dabei den Stab in die Hand nimmt und noch dazu statt der üblichen Einspielungen das Orchester selbst die Hörbeispiele liefert, dann wird so eine Veranstaltung selbst zum Ereignis. Hansjörg Albrecht ist ein ungemein sympathischer Orchesterleiter, dessen Begeisterung unmittelbar ansteckt.

Dieses begeistere Engagement ist leider in Sachen Braunfels immer noch nötig, denn der lange Arm der Nazis erweist sich auch bei zahlreichen verfemten Komponisten als besonders wirkmächtig. Phantastische Werke von Erich Wolfgang Korngold, Franz Schreker, Viktor Ullmann und eben Walter Braunfels werden ja erst seit den 90er Jahren wiederentdeckt und aufgeführt – weitere harren immer noch der verdienten Würdigung. Albrecht verbindet in seiner Einführung die lebhafte Charakterisierung einer grandiosen Komposition mit dem Appell, auch an die großen Dirigenten unserer Tage, dieses „Te Deum“ ebenso wahrzunehmen, wie das von Anton Bruckner. In Hamburg erklingt es an diesem Abend zum ersten Mal!

Hansjorg Albrecht Einfuhrung, Photo: Andreas Ströbl

Aber zuerst gibt es Wagner!

Da Braunfels ganz in der spätromantischen Tradition komponierte, und, bei aller hörbaren Eigenständigkeit, von Berlioz, Bruckner, Pfitzner und ausdrücklich Wagner geprägt wurde, scheint eine klangliche Einstimmung durch Wagner-„Klassiker“ sinnfällig. Ein kluger Trick, um stimmungszerstörende Zwischenklatscher auszubremsen, ist, die Tannhäuser-Ouvertüre, das Parsifal- und das Meistersinger-Vorspiel durch Paukengrollen miteinander zu verbinden. Manche Bayreuth-Kenner denken an die Karikatur von Matthias Ose, auf der ein Koch ins Festspielhaus hineinruft: „Soong sa mol dem Herrn Boulez, er mächad noch a wenig weider dirichiern, a klaans Medley vielleicht, die Brodwärschd san noch ned ferdich.“

Albrechts Dirigat ist – nicht überraschend nach seinem Auftritt vor der Veranstaltung – engagiert, lebhaft und exakt; er hat den ganzen Klangapparat jederzeit im Blick und wechselt in seinen Einsätzen zwischen großer Geste und feinen Akzenten. Beim Zittern der Geigen und Vibrieren der Holzbläser des Szczecin Philharmonic Orchestra scheint seine bebende linke Hand das klangliche Oszillieren erregt zu formen. Mitunter haben die Mitwirkenden Schwierigkeiten mit Ansätzen und der Synchronizität von Unisono-Stellen, was für alle Instrumentengruppen gilt.

Hansjörg Albrecht, Photo: Andreas Ströbl

Wie man sich durch Musik selbst therapiert

Die Erlebnisse im Ersten Weltkrieg hatten Walter Braunfels traumatisiert; und so nimmt es nicht wunder, dass sich die damit verbundene Konversion des Protestanten zum Katholizismus auch musikalisch niederschlug. Sein „Te Deum“ steht textlich selbstverständlich in der mittelalterlich-katholischen Tradition; von der Tonsprache her ist es eher ein Werk der Jahrhundertwende, als eines der frühen 20er Jahre. Uraufgeführt wurde es 1922 im Kölner Gürzenich, es folgten 110 weitere Aufführungen. Braunfels verarbeitete die schrecklichen Ereignisse und das Erleben von Gewalt, Schmerz und Tod in einem Sakralwerk, aus dem der Krieg spricht, in dem aber der Glaube und die Hoffnung schließlich obsiegen.

Der pazifistische Impetus war Adolf Hitler offenbar entgangen; vielleicht kannte er das „Te Deum“ auch gar nicht. Nach einem Besuch der Braunfels-Oper „Die Vögel“ trat er an den Komponisten heran, weil er sich eine Hymne für seine frischgegründete Partei wünschte – der spätere „Führer“ hielt den Namen „Braunfels“ für urdeutsch. „Dieser Mephisto kommt mir nicht ins Haus!“, rief seine Gattin voller Vorahnung aus; Braunfels lehnte das Angebot entschieden ab. Tatsächlich sollte 13 Jahre später der jüdische Familienhintergrund für die Entfernung des Komponisten aus allen Ämtern herhalten; er ging in die innere Emigration und überlebte die Nazi-Diktatur. Die Mephisto-Anekdote erzählte übrigens der Enkel des Komponisten, der Architekt Stephan Braunfels, auf der Premierenfeier am Abend des 25. Januar 2025 im Foyer des Oldenburger Staatstheaters (https://klassik-begeistert.de/walter-braunfels-oper-die-voegel-oldenburgisches-staatstheater-25-januar-2025-premiere/). Auch am 23. Juni 2026 ist Stephan Braunfels im Publikum; er setzt sich leidenschaftlich für eine stärkere Wahrnehmung seines Großvaters ein.

Große Stimmen, großes Werk

Passend zum ersten Konzertteil übernehmen die beiden Bayreuth-Heroen Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt die Solopartien. Der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg entwirft zusammen mit dem Orchester, das vor allem in den Tutti-Stellen Stärke beweisen kann, ausladende Tongemälde und ragende Klanggebirge, vor denen sich die Stimmen von Sopran und Tenor immer wieder wie zwei Vögel mit glänzenden Schwingen erheben.

Camilla Nylund, Photo: Andreas Ströbl

Camilla Nylund besticht durch eine mühelose Stärke in der Dynamik, ohne jemals laut zu klingen. Sie verbindet einen lyrisch-frischen Duktus mit geradlinigem Ernst. Klaus Florian Vogt klingt an diesem Abend weniger knabenhaft, als man es von ihm gewohnt ist. Seine strahlenden Höhen und der Verzicht auf jegliches Pathos gesellen sich wunderbar zu dem Habitus der Sopranistin; auch er dringt jederzeit durch die teils massigen Klanggebäude von Chor und Orchester durch.

Klaus Florian Vogt © Harald Hoffmann

Das viersätzige Werk beginnt mit den namengebenden Worten; der Kopfsatz ist auch musikalisch ein wahrer Hymnus. Sofort fängt der kraftvolle Chor das Publikum ein, mit bemerkenswert gutem Textverständnis. Crescendi schaffen eine soghafte Spannung, und trotz der Beschwörung des Erhabenen scheint eine nervöse innere Unruhe klarzumachen, was hier der biographische Ausgangspunkt ist.

Marsch- und Trommelrhythmen verschaffen im zweiten Satz eine beunruhigende Atmosphäre, die Werke von Schostakowitsch assoziieren lässt. Der Krieg droht hier finster und unbarmherzig, während die von Johannes Unger gespielte Orgel einen sakralen Gegenpol zu entwerfen scheint. Große emotionale Tiefe liegt in dieser Musik, auch das Wissen von Leid und Verletzung, physisch wie psychisch. Die Apokalypse wirft hier ihre dunklen Schatten voraus.

Eine unverhohlene, delikat-zarte Wagner-Anleihe bestimmt den Beginn des Folgesatzes, der Würde mit Schönheit verbindet und eine glänzende Größe strahlen lässt. Zwar drohen auch sägende Streicher, aber lyrische Inseln des Wohlklangs dominieren schließlich. Trost erreicht die Demütigen.

Wenige Klatscher bringt Albrecht souverän mit einer Handbewegung zur Ruhe, bevor die Stimmung echten Schaden nimmt.

In tiefer Dunkelheit des Finalsatzes glimmt immer wieder die Hoffnung auf, Licht strahlt durch die Schwärze, ein mühsames, schwerfälliges Stapfen wandelt sich in leichtere Gangart. Die Schlussfuge schafft eine erlösende Steigerung, die der hoffenden Haltung des um Barmherzigkeit Bittenden entspricht.

Was für ein großartiges Werk – und ja, das möchte man öfter und immer wieder hören. Das Publikum dankt den Mitwirkenden für ein besonderes Konzerterlebnis mit sehr langem, begeistertem Applaus. Bitte künftig mehr Braunfels!

Dr. Andreas Ströbl, 24. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

5 Seasons, Ballett von Edvin Revazov, Leon Gurvich Hamburger Kammerballett, Elbphilharmonie, 6. Juni 2026

Klein beleuchtet kurz 74: Daniele Gatti Elbphilharmonie, 2./3. Juni 2026

Auf den Punkt 94:  Der große PR-Text-Realitäts-Check Elbphilharmonie, Großer Saal, 4. Juni 2026

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