Die Kür bleibt Garanca schuldig

Christian Thielemann, Elina Garanca, Wiener Philharmoniker,  Salzburger Festspiele 2020

Foto: Elīna Garanča (Mezzosopran), Christian Thielemann (Dirigent), Wiener Philharmoniker © SF / Marco Borrelli

Salzburg, Großes Festspielhaus (Arte-Livestream, zeitversetzt)

Elina Garanca, Mezzosopran
Christian Thielemann, Dirigent
Wiener Philharmoniker

Richard Wagner, Wesendonck-Lieder
Anton Bruckner, Symphonie Nr.4 Es-Dur

von Peter Sommeregger

Der Dirigent Christian Thielemann ist den Wiener Philharmonikern seit vielen Jahren eng verbunden, es vergeht keine Saison, in der er nicht am Pult dieses Spitzenorchesters steht. So folgt auch dieser Konzerttermin in Salzburg einer langen Tradition. Thielemanns Programmwahl ist wenig überraschend, der Dirigent engt seinen musikalischen Kosmos erstaunlich stark ein, was vereinzelt durchaus kritisch gesehen wird. Aber so kommt das Publikum auch bei diesem Konzert in den Genuss einer ausgereiften, verinnerlichten Interpretation.

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An den Anfang gestellt sind die so genannten Wesendonck-Lieder, gleichsam ein Unterpfand der Amour fou des verheirateten Komponisten mit der Ehefrau seines Gönners Otto Wesendonck in Zürich. Mathilde Wesendoncks Lyrik ist literarisch gesehen vielleicht nur gehobener Durchschnitt, was ihr aber eigen ist, sind die eingeflossenen starken Emotionen, deren Emphase Wagner meisterhaft in seiner Vertonung aufnimmt. Die Lieder demonstrieren den Gleichklang zweier Seelen, deren Liebe unerfüllt bleiben musste. Christian Thielemann zelebriert diese, teilweise als Skizzen zu „Tristan und Isolde“ zu sehenden Stücke mit äußerster Sensibilität, dabei unterstützt von den Wiener Philharmonikern, die einen wunderbar zarten Klangteppich ausbreiten.

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Die Mezzosopranistin Elina Garanca übernimmt den vokalen Part. Ihre technisch ausgezeichnet gebildete Stimme scheint in den höheren Registern immer sicherer zu werden, vielleicht zeichnet sich da sogar ein Fachwechsel ab. Aber leider wird auch in diesem Konzert ein Manko dieser Künstlerin wieder überdeutlich: Emotion ist Garancas Sache nicht, so sehr ihr auch einige schöne, schwebende Höhen gelingen, eine Interpretation sucht man in ihrem Gesang vergeblich. Thielemann nimmt stellenweise extrem langsame Tempi, die so angestrebte Verinnerlichung wäre aber Sache der Solistin, die das ganz offensichtlich nicht leisten kann. Da bleiben Leerstellen, idiomatisch saubere Textgestaltung ist die Pflicht, die Kür bleibt Garanca schuldig.

Bei Bruckners Vierter, der „Romantischen“, ist Thielemann endgültig in seinem Element. In den letzten Jahren hat er mit „seiner“ Sächsischen Staatskapelle Dresden einen vollständigen Zyklus der Bruckner-Symphonien aufgeführt, der auch auf Ton- und Bildträgern vorliegt.

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Schon bei den einleitenden Sequenzen der Bläser und der Flöten meint man einen nicht unwesentlichen Unterschied zu den Dresdner Konzerten wahrzunehmen. Die Einsätze sind noch sauberer, der Streicherklang weicher und geschmeidiger. Auch Thielemanns Ansatz erscheint weniger wuchtig oder gar schroff.

Auffällig breit sind die Tempi im Andante, so breit, dass man meint, die Musik würde etwas zerfasern. Der Einstieg in das Scherzo dagegen gelingt schwungvoll. Diese Aufführung macht erstaunlich große Unterschiede zwischen den beiden Orchestern deutlich. Das Blech scheint in Dresden immer ein wenig schärfer zu klingen, die Streicher weniger süß und geschmeidig. Das mögen subjektive Wahrnehmungen sein, aber es spricht für Thielemanns Flexibilität, sich den lokalen Gegebenheiten anzupassen. Das Finale mit Rückgriffen und Zitaten aus dem Kopfsatz klingt in machtvollen Bläserfiguren aus. Thielemanns Autorität im Falle Bruckner ist einmal mehr unbestritten. Starker, lang anhaltender Applaus für Dirigent und Orchester.

Peter Sommeregger, 27. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik- begeistert.at

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Ein Gedanke zu „Christian Thielemann, Elina Garanca, Wiener Philharmoniker,
Salzburger Festspiele 2020“

  1. Mit dem Urteil „eine Interpretation sucht man in ihrem Gesang vergeblich“ stellt der Rezensent doch wohl seine Auffassung dar, das Wort „man“ ist insofern unangebracht. Mag er eine Interpretation vermisst haben, ich habe noch keine bessere erlebt (Aufführung am 21.08.2020). Ich könnte aus jüngster Vergangenheit mit einer sehr guten Interpretation durch Camilla Nylund am 25.07.2020 in Bayreuth vergleichen- dies verbietet sich m. E. aber aufgrund der technischen Gegebenheiten – ein Freiluftkonzert ist immer von der Technik abhängig und die war in Bayreuth nicht optimal.
    Fazit: Jedenfalls (und wie ich anderen Rezensionen entnehme nicht nur) mich hat Elina Garanca in Salzburg überzeugt und begeistert.

    Günther Störzinger

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