Strahlende Sinfonik und getrübte Liedkunst bei den Dresdner Musikfestspielen

Ivor Bolton, René Pape, Dresdner Festspielorchester,  Kulturpalast Dresden, 16. Mai 2019

Foto: Ivor Bolton. © Ben Wright

Eröffnungskonzert der Dresdner Musikfestspiele
Kulturpalast Dresden, 16. Mai 2019

Ivor Bolton, Dirigent
René Pape, Bass
Dresdner Festspielorchester

Carl Maria von Weber, Ouvertüre zur Oper »Euryanthe«
Franz Schubert, »Prometheus« D 674; Ausgewählte Lieder aus dem Zyklus »Schwanengesang« D 957 (Bearbeitung: Stuchasch Dyma)
Robert Schumann, Sinfonie Nr. 1 B-Dur op. 38 »Frühlingssinfonie«

von Pauline Lehmann

Das festliche Eröffnungskonzert der 42. Dresdner Musikfestspiele entführt in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts und vereint große Sinfonik und sensible Liedkunst. Zwischen die Ouvertüre zu Carl Maria von Webers Oper »Euryanthe« und Robert Schumanns »Frühlingssinfonie« Nr. 1 B-Dur  tritt das Liedschaffen Franz Schuberts. Aus seinem umfangreichen Œuvre erklingen die »Prometheus«-Vertonung sowie sieben Lieder aus dem Zyklus »Schwanengesang« nach Texten Heinrich Heines.

Der Abend gebührt dem festivaleigenen Klangkörper. Unter der Leitung des Chefdirigenten Ivor Bolton geht das Dresdner Festspielorchester ganz in seinem Hauptmetier, der Romantik, auf. Als Originalklangkörper versucht das international besetzte Spitzenensemble, sich dem Klang der jeweiligen Epoche anzunähern. So spielen die Hörner ohne Ventil und die Celli ohne Stachel. Die Streicher musizieren auf Darmsaiten und verzichten auf das heute gängige Permanent-Vibrato – zugunsten eines sehr klaren aber intonatorisch empfindlicheren Klanges.

Das Dresdner Festspielorchester begeistert mit seiner hellen Strahlkraft und lässt die beiden symphonischen Werke vor Energie strotzen. Doch die Schubert-Lieder – für Orchester bearbeitet von Stuchasch Dyma – trüben das Konzerterlebnis. Hier spielt die Akustik des Konzertsaals den Interpreten nicht in die Hände. Im Mittelbalkon des ersten Ranges bleibt mir René Papes Interpretation über weite Strecken verborgen und es scheint, als versinke seine Bassstimme im Klangschwall des Orchesters. Die Intensität des lyrischen Ichs und die sensiblen Phrasen der Schubertschen Lieder gehen verloren.

Nur wenn Ivor Bolton das Orchester ins Minimale dimmt, tritt René Pape hervor. In der dramatisch-dunklen Goethe-Vertonung wird Prometheus’ Aufbegehren aufgrund und mittels der eigenen Schöpferkraft erst gegen Ende des Liedes deutlich. Hier schließt René Pape mit einem emphatischen „Und dein nicht zu achten, Wie ich!“.

Die Heine-Lieder beginnen mit der Liebe zu einem »Fischermädchen«, verlieren sich zunehmend in Liebesschmerz, der im »Atlas« in Weltschmerz gipfelt. Im »Doppelgänger« dringt die spannungsgeladene Linie des Sängers durch. Stellenweise ergreift die rezitativische Deklamation, dann versiegt die Stimme wieder. Als Zugabe erklingt »An die Musik«, eine weihevolle Hommage an die Kunst. Einen schallenden Applaus erhält der Starsänger trotz der fraglichen Akustik.

Robert Schumanns 1. Sinfonie mit dem durchgehend positiven Gestus bildet einen elektrisierenden Abschluss des ersten Festspielabends. Schumann bündelt seine ganze kompositorische Schaffenskraft in seinem sinfonischen Erstlingswerk – entstanden 1841 innerhalb von vier Wochen. Bereits 1838 hatte er vermerkt: „Das Klavier wird mir zu enge. Ich höre bei meinen jetzigen Kompositionen oft noch eine Menge Sachen, die ich kaum andeuten kann.“

Das Eröffnungskonzert der Dresdner Musikfestspiele ist in der ARTE-Mediathek abrufbar und wird am 21. Juli 2019 auf ARTE MAESTRO ausgestrahlt. Unter dem Motto »Visionen« spüren die 42. Dresdner Musikfestspiele bis zum 10. Juni 2019 in noch 54 Veranstaltungen dem Bauhausjubiläum nach und laden zu musikalischen Erlebnissen an 22 verschiedenen Spielstätten. Am 27. Mai 2019 erhält der Geigenvirtuose Joshua Bell in der Dresdner Frauenkirche den Glashütte Original Musikfestspielpreis.

Pauline Lehmann, 18. Mai 2019, für
klassik-begeistert.de

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