Ladas Klassikwelt 45: Musensöhne unterm Hakenkreuz

Ladas Klassikwelt 45, Musensöhne unterm Hakenkreuz  klassik-begeistert.de

Foto: Philipp Clarin und David Lindner-Leporda,

von Jolanta Łada-Zielke  (Text und Foto)

Am 1. September hat das Schuljahr in Polen begonnen, und meine zwei siebenjährigen Neffen überschritten zum ersten Mal die Schulschwelle. Noch vor den Sommerferien haben sie die Aufnahmeprüfung zur Musikgrundschule namens Ignacy Jan Paderewski in Krakau erfolgreich bestanden.  Neben der allgemeinen Bildung bekommen sie dort auch Musikunterricht. Bei der Gelegenheit erinnere ich mich daran, wie ich vor acht Jahren in München einen Beitrag über eine völlig andere Musikschule gemacht habe, die es heute nicht mehr gibt…

Dieses musikalische Gymnasium mit Internat existierte genauso lange wie der Zweite Weltkrieg dauerte, dessen Ausbruch den Beginn des Unterrichts etwas verzögerte. 1945 wurde die Schule siebzehn Tage nach der Kapitulation Deutschlands aufgelöst. Der Film „Die Musensöhne“ von Philipp Clarin (Regisseur) und David Lindner-Leporda (Produzent) aus dem Jahr 2012 zeigt, wie die Schüler zur musikalischen Elite des Dritten Reiches ausgebildet wurden.

Auch der Schauspieler Hans Clarin, Philipps Vater, absolvierte das Musikgymnasium für Knaben in Frankfurt am Main, das auf Befehl Hitlers gegründet wurde.

„Ich wusste, dass mein Vater eine musikalische Ausbildung hatte, weil er sehr gut Klavier spielte und vom Blatt singen konnte, was für Schauspieler selten ist“, sagte der Regisseur. „Aber erst nach seinem Tod interessierte ich mich für dieses Gymnasium. Seine ehemaligen Schüler organisierten jährliche Treffen. Es gelang mir, einige von ihnen zur Teilnahme an meinem Film zu überreden.“

Ursprünglich sollte dieses Dokument über das Schicksal der Absolventen nach dem Krieg erzählen. Die überwiegende Mehrheit von ihnen setzte ihre musikalische Ausbildung fort, wie zum Beispiel der Dirigent Clytus Gottwald, der Cellist Klaus Storck oder Hans Joachim Rotzsch, der sich mit dem Thomanerchor in Leipzig verband oder der Pianist Paul Kuhn.

Paul Kuhn (2005)

Interessant sind die Erfahrungen von Lennie Cujé, der sich in der amerikanischen Besatzungszone befand, wo er zum ersten Mal mit Jazzmusik in Kontakt kam und dann der berühmte Vibraphonist geworden ist. Teuto Rocholl wurde Architekt, Christoph Kaffke Priester. Alle waren sich einig, dass die Schule ihnen eine angemessene musikalische Ausbildung gegeben habe.

Während der Recherche fanden  Philipp und David Filmaufnahmen, die während der Existenz des Gymnasiums gemacht wurden. Der Schulleiter Kurt Thomas war ein leidenschaftlicher Amateurfilmer, der seine Schüler auf einem 8-Millimeter-Band verewigen wollte. Dank ihm wurde 1942 ein Propagandafilm über das Gymnasium unter dem Titel „Jugend musiziert“ gedreht. Clarins Dokumentarfilm beginnt mit einem Abschnitt, der eine große Gruppe von Jungen in Hitlerjugenduniformen während eines Dirigentenunterrichts zeigt. Sie alle bewegen ihre Hände im gleichen Rhythmus, niemand bricht ab. Die Autoren des Dokuments hatten Zugang zu solch wertvollen Quellen und beschlossen, die gesamte Geschichte der Schule zu erzählen. Infolgedessen entstand eine spannende, teilweise gespielte Produktion, die die Ton- und Filmaufnahmen aus der Kriegszeit enthält. Das Archiv des Frankfurter Radiosenders stellte dem Produzenten  einige wertvolle Materialien zur Verfügung.

„Bei Herrn Rotzsch haben wir einen echten Schatz gefunden:  eine alte, lackierte Schallplatte, die in zwei Teile zerbrochen war“, sagt David Lindner-Leporda. „Aber es war möglich ihren Inhalt auf einen digitalen Datenträger zu übertragen. Da gab es einige Lieder, vom gymnasialen Chor gesungen, die wir auch im Film verwendeten. Dies war unser >>kleines Wunder<<„.

Musik war in dieser Schule das wichtigste, obwohl es nicht ohne die nationalsozialistische Indoktrination ging. Es gab einige Aktivitäten wie bei der Hitlerjugend, zum Beispiel die obligatorische Morgengymnastik und der Appell mit dem Einziehen der Flagge (natürlich mit dem Hakenkreuz) am Mast. Die Schüler erhielten gefälschte Informationen über den Verlauf des Krieges. Einer der Absolventen erinnert sich an eine Konzertreise in die Schweiz, als er lokale Zeitungen in die Hände bekam, die ganz anders über den Krieg berichteten als im Dritten Reich. Bei den Konzerten traten sowohl der Chor als auch das Orchester in Hitlerjugenduniformen auf, und der Dirigent Kurt Thomas war gleich gekleidet. Bei den Dreharbeiten zu den Propagandafilmen mussten die Jungen auch während der Mahlzeiten ihre Uniformen tragen.

Kurt Thomas

Kurt Thomas machte in seinem Vertrag mit der Regierung einen Vorbehalt, dass er selbst über das Repertoire entscheiden würde. Infolgedessen wurden im Gymnasium auch die Werke ausgeübt, die zu dieser Zeit politisch nicht korrekt waren, wie etwa Bach-Motetten oder Weihnachtslieder, zum Beispiel „Maria durch ein Dornwald ging“. Anstelle der Hymne zu Ehren des Führers und des Reiches sang der Chor „Jesu, meine Freude“ oder „Komm, Jesu, komm“. Es musste jedoch eine Änderung an der Motette „Singet dem Herrn“ vorgenommen werden: Der Satz „die Kinder Zion sei‘n fröhlich über ihrem Könige“ änderte man in „die Kinder singen so fröhlich über ihrem Könige“.

Als die Luftangriffe auf Frankfurt begannen, organisierte die Schule Konzerte auf den Trümmern, um den Bewohnern einen Anschein von Normalität zu vermitteln. Erst als einer der Schüler infolge einer Bombardierung ums Leben kam, wurde beschlossen, die Schule an einen sicheren Ort zu verlegen. Dies war das Kloster der Schwestern der Barmherzigkeit des heiligen Vincent à Paulo im Untermarchtal bei Ulm, wo die jungen Musiker bis zum Kriegsende überlebten. Der vorherige Sitz des Gymnasiums, das schöne Frankfurter Schloss, ist nur auf Fotos erhalten.

Es stellt sich die Frage, ob das Gymnasium eine Bedeutung für die Geschichte der deutschen Musik hatte. Innerhalb seiner Mauern passierte nichts außer Lehren und Musizieren, es verbarg keine Geheimnisse und kein Skandal geschah dort. Viele musikalisch begabte Jungen, einige sogar nicht ganz „arisch“, überlebten dort den Krieg. Die Zahl aller Schüler betrug ungefähr sechshundert. Die Ältesten wollten im Frühjahr 1945 die Panzerfäuste nehmen und sich dem Volkssturm anschließen, aber ein einziger Anruf von Thomas Kurt genügte, um sie aus der Front zurück zu schicken. Den Lehrern wurde der gleiche Schutz gewährt. Ich glaube, es ist wichtig zu wissen, dass „es so etwas gab“, obwohl aus historischer Sicht die Existenz dieses speziellen Gymnasiums keine große Rolle spielt. Für ehemalige Schüler war dies jedoch wesentlich. Sie erhielten eine wirklich solide musikalische Ausbildung, die sie später frei von der Ideologie vertiefen konnten. Kurt Thomas war nach dem Krieg Kanzler der Musikhochschule Detmold, dann leitete er den Thomanerchor in Leipzig und arbeitete als Dozent in Lübeck. Seine Funktion als Direktor der Nazi-Musikschule wird immer noch bestritten und diskutiert.

Ladas Klassikwelt (44): Romantik heißt Sehnsucht…

Jolanta Lada-Zielke, 7. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ladas Klassikwelt (c) erscheint jeden Montag.
Frau Lange hört zu (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
Schweitzers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Dienstag
Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.
Hauters Hauspost (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Sophies Welt (c) erscheint jeden zweiten Donnerstag.
Lieses Klassikwelt (c) erscheint jeden Freitag.
Spelzhaus Spezial (c) erscheint jeden zweiten Samstag.
Der Schlauberger (c) erscheint jeden Samstag.
Ritterbands Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.
Posers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag.

© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 48, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Zwanzigern und Dreißigern. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.