Ladas Klassikwelt 50: „Ein Kuss der ganzen Welt“ oder Beethoven für Flüchtlinge

Ladas Klassikwelt 50: „Ein Kuss der ganzen Welt“ oder Beethoven für Flüchtlinge

„Wenn dieses Konzert nur wenige Menschen berührt hat, waren wir vollkommen erfolgreich.“

von Jolanta Łada-Zielke

„A Kiss For All The World” – dieser frei ins Englische übersetztes Vers aus der „Ode an die Freude“ stand als Motto über einem Projekt für Flüchtlinge, die Ende 2015 in einer Containerwohnsiedlung in Hamburg-Osdorf ihre Unterkünfte bekamen. An dem Projekt waren Freiwillige aus der örtlichen Sankt-Simon-Pfarrgemeinde sowie Mitglieder des Malteserordens beteiligt. Auf einer Wiese vor Ort organisierten sie ein Konzert mit Beethovens Neunter, an dem über 400 Personen teilnahmen. Im Publikum saßen sowohl Eingewanderte als auch Einheimische. Die Organisatoren, die Vorfälle von Neonazis befürchteten, sorgten für angemessenen Schutz. Die Veranstaltung fand jedoch in einer friedlichen und fröhlichen Atmosphäre statt. Bevor die Musik erklang, begrüßten die Freiwilligen alle Gäste in ihren Muttersprachen: Deutsch, Englisch, Arabisch, Afghanisch (Dari), Russisch und Somali. Sie fügten auch ein paar Worte über die Botschaft des Beethoven-Werks hinzu.

Die neunte Symphonie wurde dann vom Carl-Philipp-Emmanuel-Bach-Chor und den Hamburger Symphonikern aufgeführt. Das Stück gehört zu ihrem regulären Repertoire, da sie jedes Jahr damit am Silvesternachmittag und am Neujahrsabend in der Laeiszhalle auftreten. Am 15. Juli 2016 führten sie die Symphonie zum ersten Mal im Freien auf der Bühne unter dem Zelt auf. Aus Platzmangel standen die Solisten in der ersten Reihe zwischen den Chorsängern. Auf der Bühne wurden Mikrofone platziert. Für zusätzliche akustische Signale sorgten die Schreie der Kinder, die zwischen den Sitzreihen herumrannten. Die meisten Zuschauer waren nicht daran gewöhnt, klassische Konzerte zu besuchen. Sie applaudierten nach jedem Satz der Symphonie und teilweise sogar währenddessen, weil sie die Fermaten für das Ende des Stücks hielten. Das störte aber niemanden.

„Unter solchen Bedingungen ist das völlig normal“, sagte der Dirigent Iñigo Pírfano nach dem Auftritt. Er fügte hinzu, dass er bereits davon träume, dieses Konzert mit derselben Besetzung zu wiederholen. Der Dirigent faszinierte mit seiner Herzlichkeit und der unglaublichen Präzision, mit der er das Konzert führte. Man hatte den Eindruck, dass er jedem Musiker einzeln seine Aufmerksamkeit schenkte. Die Chorsänger und Mitglieder des Orchesters waren sich einig, dass es schon lange her sei, dass sie vom Publikum so herzlich aufgenommen wurden.

Ein paar Skeptikern zufolge hätte die „Ode an die Freude“ nicht gut zur allgemeinen Stimmung gepasst. Einen Tag zuvor war es zu dem Anschlag in Nizza gekommen. Während dieses Ereignisses fand außerdem ein erfolgloser Militärputsch in der Türkei statt, worüber damals nicht jeder wusste. Im Sommer 2016 gab es in Hamburg etwa dreißigtausend Flüchtlinge (davon etwa zweitausend in Osdorf), die nicht ewig in Containern leben konnten. Man musste ihnen angemessene Lebensbedingungen schaffen und ihre Integration sicherstellen.

Wie als Antwort auf diese Zweifel erschien die Sonne während der Aufführung des dritten Satzes der Symphonie „Adagio molto e cantabile“ am zuvor bewölkten Himmel. Die Musiker und das Publikum sahen darin ein Zeichen der Hoffnung. Und als der griechische Bariton Aris Argiris zum ersten Mal das Wort „Freude“ sang, das vom Männerchor wiederholt wurde, waren alle Anwesenden davon überzeugt, dass es sich lohnt, die Herausforderung der Integration anzunehmen. So erhielten die von Beethoven vertonten Worte Friedrich Schillers eine neue Bedeutung. Die weiteren Solisten, die am Konzert teilnahmen – Ainhoa ​​Arteta (Sopran), María José Montiel (Mezzosopran) und Albert Montserrat (Tenor) – kamen, wie der Dirigent Pírfano, auch aus Spanien.

„Wir sind sehr dankbar, dass dieses Konzert stattfinden konnte. Das Treffen der Flüchtlinge mit den Hamburger Bewohnern dient dazu, sich gegenseitig näherzubringen und die Angst vor Fremden zu beseitigen “, sagte Ute Landwehr von Brock, die Initiatorin und Hauptkoordinatorin des Projekts. Jan Weiß, der Vertreter des Malteserordens in Hamburg, fügte hinzu: „Wenn dieses Konzert nur wenige Menschen berührt hat, waren wir vollkommen erfolgreich.“ Die berührendste Geste machte ein sechsjähriges Mädchen aus einer Einwandererfamilie, das während des Applauses die Bühne betrat und einer der Geigerinnen eine Feldblume überreichte.

Im Beethovenjahr wäre ein solches Konzert sehr angemessen. Es ist leider aus dem Grund unmöglich, den wir alle zu gut kennen. Wir werden aber nicht zulassen, dass die „Ode der Freude“ in die „Ode der Pandemie“ und das Wort „Kuss“ in „Virus“ geändert werden…

Jolanta Lada-Zielke, 12. Oktober 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 49, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Zwanzigern und Dreißigern. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

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