Meine Lieblingsmusik 2020: Richard Strauss, "Morgen!" und "Eine Alpensinfonie"

Meine Lieblingsmusik (56): Richard Strauss, Morgen! und Eine Alpensinfonie

Bild: Blick auf den magischen Untersberg und den Schicksalsberg Watzmann vom Salzburger Gaisberg aus. Kurz danach ging das Berchtesgadener Land zum zweiten Mal in den Lockdown.

Meine Lieblingsmusik 2020:

Richard Strauss, Morgen!, op. 27 Nr. 4 und
Eine Alpensinfonie, op. 64 (Mariss Jansons, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks)

von Stefanie Schlatt

Der Komponist Richard Strauss ist mir im Jahr 2020 besonders ans Herz gewachsen. Seine Musik hat mich in vielen bewegten Momenten begleitet und zu Tränen gerührt.

Am 29. Februar durfte ich im Münchner Prinzregententheater einen Abend mit Daniel Hope im Zeichen der Belle Époque erleben. (klassik-begeistert.de berichtete.) Die Interpretation von Richard Strauss‘ Gedichtvertonung „Morgen!“, op. 27 Nr. 4, in der Zukunftseuphorie und Schaffenswille zum Ausdruck kommen, hat mich nachhaltig beeindruckt. Wenige Tage später traf uns die Coronakrise mit voller Wucht. Lockdown, Verzweiflung, Zukunftsangst, Isolation – und irgendwann erhielt ich von einer lieben Bekannten aus London einen tröstenden musikalischen Gruß: „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen …“.

Dann kam der Sommer, und als Unternehmungen wieder möglich waren, zog es mich hinaus in die Natur. Was ich normalerweise selbstverständlich finde, weiß ich seit diesem Jahr mehr denn je zu schätzen: die unmittelbare Nähe zu den Alpen und die Möglichkeit, mich dort frei bewegen zu können. Auf meinen Wanderungen hat mich oft ein besonderes Werk begleitet: die Alpensinfonie, op. 64 von Richard Strauss, eine symphonische Dichtung, die einen Tag in den Bergen mit all seinen Freuden und Gefahren, Mühen und Genüssen in 22 grandiosen Tonbildern beschreibt.

Richard Strauss verarbeitete in diesem Werk ein einschneidendes Bergerlebnis aus seiner Jugend, doch die verschiedenen tonmalerisch explizit gestalteten Phasen, die der Bergsteiger durchläuft, lassen auch eine lebensphilosophische Lesart zu: Durch Tapferkeit, Beharrlichkeit, Ehrfurcht und Zuversicht kann es gelingen, persönliche Schwierigkeiten und zuletzt sich selbst zu überwinden und am Ende ein besserer Mensch zu werden.

Die Orchestrierung und der Klangcharakter des rund einstündigen Werks sind monumental und wirkmächtig. Ein riesiges Orchester mit über 100 Musikern, tonangebend eine riesige Bläser- und Schlagzeugsektion, drückt die Erhabenheit der Natur in kraftstrotzenden, mal elegischen, mal euphorischen und immer evokativen, zutiefst dramatischen Klängen aus.

Die Wanderung beginnt in der Nacht, fast schauerlich mit düsteren, gedämpften Tönen. Die tiefen Bläserstimmen erzeugen einen dichten Klangteppich, der an schwere Dunkelheit und dichten Morgennebel gemahnt, bis sich mit Trommelwirbel und beherzt aufwallenden Streicherklängen in einem dröhnenden Crescendo die Sonne mit drei triumphierenden Beckenschlägen Bahn bricht.

Es folgt der Anstieg, der mit einem beherzten und zügigen Marsch der Celli beginnt, dann in einen beschwingten Trab übergeht, den die Violinen artikulieren, und schließlich in einem euphorischen Mehrtonmotiv der Posaunen gipfelt. Zu Hornsignalen spielen die Streicher mehrmals hintereinander ein fröhlich hüpfendes Motiv, bevor sich beim Eintritt in den Wald die Stimmung wieder verdüstert. Danach gelangt der Wanderer an einen plätschernden Bach und schließlich an einen rauschenden Wasserfall, der durch Streicherkaskaden und spritzige Flötentöne dargestellt wird. Das triumphierende Posaunenmotiv des Sonnenaufgangs kehrt zurück. Über blumige Wiesen geht es auf die Alm, wo Kuhglocken läuten.

Bis hierhin verläuft die Wanderung harmonisch, doch dann nimmt das Unheil seinen Lauf: Der Wanderer kommt von der Route ab, gerät in Dickicht und Gestrüpp auf Irrwege, die Musik verdüstert sich wieder, das immer wiederkehrende Posaunenmotiv nimmt einen schicksalhaften Klang an. Schließlich findet der Wanderer den Weg wieder und erreicht den Gletscher, dessen majestätischer und ehrfurchtgebietender Anblick von den Posaunen zum Ausdruck gebracht wird.

Es folgen gefahrvolle Augenblicke. Die Fagotte tasten sich zaghaft voran, untermalt von Trillern der Streicher, immer wieder verhaltene Rufe der Hörner, die aufmunternd von den Blechbläsern beantwortet werden. Eine liebliche Oboenmelodie leitet dieses Bild aus. Dann: Auf dem Gipfel – eine strahlende Fanfare markiert diesen erhabenen Moment. Der Wanderer lässt zu pastoralen Melodien der Flöten und hohen Holzbläser den Blick übers Land schweifen. Eine weitere Fanfare ertönt, diesmal kadenzierend, begleitet von Paukenschlägen, so als wäre der Gipfelmoment der krönende Abschluss der Wanderung. Doch der beschwerliche Abstieg ist immer unvermeidlich.

Was ist das? Der Wanderer hat eine Vision: Melodiefetzen und Töne stieben in die Luft, wabern herum und verdichten sich zu einem Schleier, der den Wanderer einhüllt und in einen Traumzustand versetzt.

Doch schon bald wird er jäh aus seinen Fantasien gerissen, denn nun steigt wahrhaftiger Nebel auf. Die Sonne verdüstert sich und ein elegisches Thema, das die Streicher bereits zuvor immer wieder gespielt haben, wird nun von einer ängstlich klagenden Klarinette aufgegriffen und kontemplativ weitergesponnen, bevor die Fagotte einfallen und zur Eile mahnen – denn ein Sturm zieht auf. Noch herrscht Stille, doch die Flöten und hohen Holzbläser kündigen in hingehauchten Brisen das tosende Brausen an, das schon bald darauf folgt. Der Sturm entlädt sich mit Wucht, alle Instrumente stellen ihn unter Aufbietung sämtlicher Kräfte dar und sogar eine Donner- und eine Windmaschine kommen zum Einsatz. Das ist der eindringlichste Moment im gesamten Werk, und ich kann von dieser Szene gar nicht genug bekommen.

Schließlich beruhigt sich der Sturm und der Himmel klart auf. Der Abend bricht an, über einem Bordunton der tiefen Blechbläser beschwören die Streicher den Sonnenuntergang herauf, ein Schwelgen in der Abendröte, während der Wanderer wohlbehalten ins Tal zurückkehrt und mit Beginn der Nacht diese Wanderung ausklingt.

Auch das schwierige Jahr 2020 neigt sich dem Ende zu. Wie ein gewaltiges Gebirgsmassiv türmen sich Sorgen und Probleme vor mir auf, doch wenn ich die Alpensymphonie höre, weichen in meinem Kopf düstere Zukunftsaussichten einem idyllischen Panorama, das mir Trost und Frieden gibt. Es kann nur bergauf gehen. „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen …“.

Stefanie Schlatt, 28. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Stefanie Schlatt, Jahrgang 1988, übersetzt Beihefte für Klassik-CDs und schreibt seit Dezember 2019 für klassik-begeistert.de. Ihre Liebe zur klassischen Musik entdeckte sie als Kind durch die wunderbare Hörspielreihe „Wir entdecken Komponisten“ der Deutschen Grammophon. Sie beschäftigt sich gern mit Musikgeschichte und -theorie und kennt durch ihre Übersetzungstätigkeit so manche spannende Anekdote. Zu ihren Lieblingskomponisten zählen Richard Strauss, Ralph Vaughan Williams und Edward Elgar.

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