Mitsuko Uchida im Wiener Konzerthaus: Mozart, wie man ihn nur selten hört!

Mitsuko Uchida, Mahler Chamber Orchestra, Wiener Konzerthaus, 26. September 2019

Foto: Mitsuko Uchida © Justin Pumfrey (Ausschnitt)

Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 26. September 2019
Mahler Chamber Orchestra
Mitsuko Uchida, Klavier & Leitung

von Jürgen Pathy

„Mozart ist für Erwachsene zu schwer und für Kinder zu leicht“, urteilte einst der österreichische Pianist Artur Schnabel. Deshalb hat sich Mitsuko Uchida gleich gedacht, bleibst für immer ein Kind, wandelst aber inkognito als Erwachsene durch diese Welt. Diesen Anschein erweckt die mittlerweile 70-jährige Pianistin, wenn man ihren Mozart-Interpretationen lauscht, die in einer unglaublichen Ausgewogenheit den Großen Saal des Wiener Konzerthauses erleuchten. Dafür ist sie auch bekannt.

Seit Uchida in der Londoner Wigmore Hall 1982 alle Mozart-Klaviersonaten aufgeführt hat, gilt sie als eine der feinsten Mozart-Interpretinnen überhaupt.  Doch ihre Karriere begann schon viel früher. Als 12-Jährige zog sie nach Wien, nahm Privatstunden bei der Pianistenlegende Wilhelm Kempff und debütierte bereits als 14-Jährige im Musikverein Wien. Dennoch wurde sie hier nicht heimisch, fühlte sich als Fremde. „In Wien hat jeder eine Meinung über Musik – und jeder hat recht“, erzählt sie in einem Interview mit BR-Klassik. Deshalb lebt die gebürtige Japanerin heute in London, einer Stadt, in der sie die kulturelle und intellektuelle Toleranz zu schätzen weiß. Doch Wien scheint nicht mehr ganz so fremd.

In der Musikhauptstadt, in der Mozart seine beiden Klavierkonzerte in F-Dur und d-Moll komponierte, fühlt sich Uchida mittlerweile sichtlich wohl. Von Unbehagen keine Spur. Die intensive Nähe zu Mozart ist deutlich zu spüren – nicht nur optisch, wenn Uchida in türkisblauem Oberteil, schwarzer Hose und silbernem Schuhwerk im Stile der Rokokozeit die Bühne betritt, auch musikalisch.

Mit so viel Freude, Energie und kindlicher Unbefangenheit hat man Mozart nur selten gehört. Kein Moment der Langeweile, keine langen Gesichter und kein ständiges Rascheln, trotz der bereits bevorstehenden Husten-Saison. Uchida zieht in ihren Bann. Mit einem unglaublich ausgewogenen Stil, der niemals zu sehr ins Romantische oder ins Barocke abdriftet, behandelt sie die Klaviatur ihres schwarzen Steinway-Flügels wie zarte Stimmbänder, die mal weinen, mal lachen, aber durchgehend von einer eleganten Leichtigkeit durchwachsen sind. Ideale Voraussetzungen, um die beiden Mozart‘ schen Klavierkonzerte aufzuführen.

Denn „Mozart darf man nie erzwingen“, führt Uchida im Gespräch mit BR-Klassik fort. Der sei für die „Süßen und die Ekelhaften, für die G’scheiten und die Dummen“. Also auch für diejenigen, die mal wieder vergessen haben, ihr Handy auf Standby zu schalten. Und genauso für die anderen, die meinen, das „zweite Krönungskonzert“ sei „routiniert“ heruntergespielt worden – wie ein Herr hinter mir seiner charmanten Begleitung vergewissern möchte. Pah! Welch eine Behauptung. Ganz im Gegenteil: Aufmüpfig und mit jugendlichem Elan interpretiert Uchida den Kopfsatz, mit nobler Geste und im Antlitz lyrischer Melancholie das Allegretto, forsch und nachdrücklich den Abschlusssatz. Ebenso eine Wohltat für Herz und Seele das d-Moll Konzert.

Einzig die Studie für 23 Solostreicher von Richard Strauss, die das Mahler Chamber Orchestra zwischendurch ohne Uchida aufführt, zieht sich wie ein Kaugummi. Den hätte man sich sparen können. Sei’s drum. Solange das junge Ensemble, dessen erste Geigen bis auf eine einzige Ausnahme von lauter Frauen besetzt sind, derart bezaubernde Piani und herzergreifende Legati bei Mozart hervorzaubern, solange sollen sie unter der Führung ihrer Konzertmeisterin experimentieren. Dem positivem Gesamteindruck steht das nicht im Wege!

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 28. September 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Klavier und Orchester F-Dur K 459 (1784)

Richard Strauss
Metamorphosen. Studie für 23 Solostreicher AV 142 (1945)

***

Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Klavier und Orchester d-moll K 466 (1785)

Zugabe:

Wolfgang Amadeus Mozart
Sonate C-Dur K 545 »Sonata facile« (2. Satz: Andante) (1788)

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