Mäkeläs Mahler setzt neue Standards in der Mahlerstadt Hamburg

Orchestre de Paris, Klaus Mäkelä, Dirigent, Mark Andre und Gustav Mahler  Elbphilharmonie Hamburg, 19. März 2023

Foto: Oslo Philharmonic / Klaus Mäkelä © Daniel Dittus

Stürmisch stürzt sich Klaus Mäkelä in diesen Mahler wie Schager in den Siegfried. Das Fürchten hat auch der 27 Jahre alte Chefdirigent noch nicht erlernt. Da könnte genauso gut ein wilder Bär oder ein feuriger Fafner über die Bühne laufen. Sie alle würden machtlos dieser türmenden Musik erliegen.   

Orchestre de Paris
Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg

Mari Eriksmoen, Sopran
Wiebke Lehmkuhl, Alt
Klaus Mäkelä, Dirigent

Mark Andre
Im Entschwinden / Kompositionsauftrag von Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und Elbphilharmonie Hamburg

Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 2 c-Moll für Sopran, Alt, Chor und Orchester »Auferstehungssinfonie«


Elbphilharmonie Hamburg,
19. März 2023

von Johannes Karl Fischer

Mahler war ganz, ganz großer Wagner-Fan. Was hier zum Klingen kommt, ist ein einziges symphonisches Gesamtkunstwerk. Mäkeläs Maß an differenzierter Klangmagie sprengt alle Standards auf dem Grünen Hügel. Die leisen, expressiven ewigen Melodien des zweiten Satzes lassen ganze Säle mitatmen. Mächtige Tutti-Akkorde füllen die Hamburger Klangkathedrale bis an den Rand und darüber hinaus.

Wuchtig legt auch der Kopfsatz – in einer früheren Version noch „Totenfeier“ genannt – los. Furiose Celli fegen frische Frühlingsstürme durch die Luft, die vom Dirigenten besonders gelobten Pariser Bläser zaubern eine warme Suppe an Klarinetten- und Oboen-Klängen zusammen. Der Chef am Pult rührt diese zurecht, als würde er mit einem riesigen Kochlöffel durch die Meerestiefen des stillen Ozeans fegen. Riesige Wellen baut er auf, haushoch, als würden sie bis zum Himmel reichen.

Und gerade von diesen mächtigen Wellen wird man nahezu überwältigt… wäre da nicht noch eine kleine Vorspeise vor diesem musikalischen Festtagsmahl.  Mit Mark Andres Auftragswerk Im Entschwinden entschwebt man der Hektik der realen Welt, ehe man von der Magie des Mahler-Klangs beschallt werden kann. Raschelndes Papier, ein einsames Akkordeon und idyllische Flötenklänge reinigen die Ohren, ehe sie von einer Sinfonie der Superlative beschallt werden.

Gerade an dessen Ende versinkt nämlich alles in den strahlenden Schallwellen der über 100 Instrumente auf der Bühne. Der kraftvolle Gesang des Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chors stimmt die Auferstehung mit ein. Mit voller Leidenschaft und Einsatzkraft strahlen diese Sänger und Sängerinnen den Saal voll, lassen das Publikum mit in den Himmel aufsteigen. Man fühlt sich, als würde man hoch über den Wolken schweben und auf majestätische Alpenlandschaften hinabblicken. Selbst die Orgel – mit ihrem mächtig-majestätischen Klang – geht mit in diesem Ozean der Mahler’schen Klangkunst baden.

Mit dieser Sinfonie bin ich übrigens in die Mahler-Musikpraxis eingestiegen. 2019 stand sie auf dem Programm meines Studenten-Orchesters. Ich kenne jeden Takt und habe fast jede bedeutende Aufnahme angehört. Und Klaus Mäkelä setzt neue Standards in Sachen Mahler. Niemand holt die überwältigenden, umschwärmenden Klänge aus diesem Klangzauber so raus wie er. Das ist noch vollendeter, noch reifer als Rheingold und Parsifal zusammen.

Die Spuren Mahlers führen also deutlich nach Walhall. Und eine Burg – wenngleich noch kein ewiges Werk – ist natürlich auch die Elbphilharmonie. Leider scheinen einige Streicher mit der Akustik des teuersten Konzertsaals der Welt zu kämpfen. Immer wieder kommen Einsätze nur asynchron, an machen Pizzicato-Stellen scheinen sich die sehr zahlreichen Geigen in ein paar Dutzend Harfen zu verwandeln. Dennoch können auch sie dem klanglichen Bann dieses Wunderdirigats nicht entkommen. Mäkelä lässt dieses Orchester mit einer Stimme atmen.

Nur gegen die zwei Gesangsolistinnen hat auch der beste Dirigent der Welt keine Chance. Mit Wiebke Lehmkuhl (Alt) und Mari Eriksmoen (Sopran) stehen zwei engelsgleiche Solo-Stimmen auf der Bühne, die von einer Engelsleiter auf die Erde hinabsteigen und den Mensch aus seiner Not erlösen. Vor allem Lehmkuhls warmer Mezzo verzaubert das Publikum und Orchester wie eine verführende Kundry den Parsifal. Vollendet ist auch Mahlers ewiges Werk!

Wer diesen scheinbar furchtlos begeisternden Ausnahme-Dirigenten noch nicht gehört hat, sollte dies schnellstmöglich nachholen und nicht die Gesamtheit seiner erwartungsgemäß bevorstehen 70-jährigen Karriere abwarten. So eine kraftvolle, energetisch mitreißende Klangkunst hat die Musikwelt schon ganz lange nicht mehr gehört!

Johannes Karl Fischer, 20. März 2023, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Janine Jansen, Violine, Orchestre de Paris Klaus Mäkelä, Dirigent Essen, Philharmonie, 16. März 2023

Oslo Philharmonic, Sol Gabetta Violoncello, Klaus Mäkelä, Dirigent Elbphilharmonie, Hamburg, 14. November 2022

Musikfest Berlin 2022, Concertgebouw Orkest Amsterdam, Klaus Mäkelä Philharmonie Berlin, 28. August 2022

NDR Elbphilharmonie Orchester, NDR Chor, WDR Rundfunkchor, Annette Dasch, Gerhild Romberger, Thomas Hengelbrock, Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 2 c-Moll, Elbphilharmonie Hamburg

Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg, Bremer Philharmoniker, Hansjörg Albrecht Laeiszhalle Hamburg, 19. November 2022

Ludwig van Beethoven – Missa Solemnis, Johanna Doderer – Pinus (Erstaufführung), Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg Berliner Symphoniker Hansjörg Albrecht, Dirigent Laeiszhalle, 10. Mai 2022

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