Hier konnte ich natürlich nur einige kurze Auszüge aus den 68 Seiten der„Bayreuther Fanfaren“ bringen. Alles in allem ist die Lektüre des Büchleins sehr amüsant, und es ist interessant zu erfahren, wie einer der berühmtesten Musikkritiker seiner Zeit von den Bayreuther Festspielen des Jahres 1891 berichtet hat.
von Jolanta Lada-Zielke
1891 zählte Bayreuth, schon damals als „Mekka der Wagnerianer“ bezeichnet, 23.000 Einwohner. Der Musikkritiker, –schriftsteller und Komponist Ferdinand Pfohl (1862-1949) schreibt in seinem Büchlein „Bayreuther Fanfaren“, es seien „prächtige Leute, die wissen den Fremden (…) mit mehr oder weniger Geist das Leben und den Geldbeutel leicht zu machen“. Humorvoll äußert er sich auch über die Bayreuther Wirtinnen, bei denen die Festspielgäste private Unterkunft erhielten: sie sollten „Parsifal“ sehr dankbar sein, denn „seinetwegen“ könnten sie nach der Festspielzeit „ein neues Kleid in ihren Schrank hängen“. „Ladas Klassikwelt 21 klassik-begeistert.de“ weiterlesen
Tatsächlich werde ich auch heute noch dann und wann bei einer Rosenkavalier-Aufführung wehmütig, allerdings weniger, weil mich die Sängerinnen so stark anrühren, sondern weil ich den goldenen Jahren nachtrauere, in denen Aufführungen dieses Stückes Dimensionen erreichten, von denen man sich wohl auf absehbare Zeit verabschieden muss.
von Kirsten Liese
Der Rosenkavalier ist eines meiner Lieblingswerke. Eine Strichliste habe ich zwar nicht geführt, ihn aber so oft gesehen wie keine andere Oper.
Meine besondere Beschäftigung mit dem Stück begann, als ich – inspiriert von Elisabeth Schwarzkopf, die ich damals schon sehr verehrte – meine wissenschaftliche Examensarbeit schrieb. Mein Thema war Strauss‘ Musik im Hinblick auf die in der Partitur enthaltenen Stilkopien von Mozart und Johann Strauß. Wiewohl ich gerade erst Ende 20 war, identifizierte ich mich damals schon stark mit der wunderbaren Figur der Marschallin, wenngleich ich ahnen musste, dass mich die Gedanken dieser Marie-Thérèse noch weitaus stärker einholen würden, wenn ich selbst in ein vergleichbares Alter kommen würde. – Nun vielleicht nicht unbedingt schon mit 38, zumal wir ja alle immer älter werden, aber ab Anfang 50, wenn man häufiger die Haare färben muss, die Falten im Gesicht zunehmen und man nicht mehr so gerne in den Spiegel schaut. Kurzum, den genialen „Zeit“-Monolog, das Räsonieren über das Altern und die Vergänglichkeit, kann ich inzwischen noch stärker nachempfinden.
Kürzlich schaute ich mir den neuen Rosenkavalierin der Neuproduktion der Berliner Staatsoper an, die wegen André Heller für viel Wirbel sorgte. Der Regisseur musste herbe Kritik einstecken: Die einen störten sich an dem fehlenden Rokoko-Charme, den anderen war die Inszenierung zu brav.
Aber darum muss man keinen großen Rummel machen. Für mich war es eine durchschnittliche Aufführung ohne Höhen, aber auch ohne Tiefen. Die Bühne strahlt keine Hässlichkeit aus, die Regie verortet das Stück nicht abstrus an einem abwegigen Ort, das ist in heutigen Zeiten schon viel. Was die Sängerinnen und Sänger angeht, bin ich allerdings andere Maßstäbe gewohnt, dies insbesondere im Hinblick auf die Figur der Marschallin.
Vermutlich ist unter den heutigen zur Verfügung stehenden Strauss-Sopranen Camilla Nylund wirklich eine der besten. Sie singt die Marschallin kultiviert, mit lyrischem Feinsinn und mit weniger Schärfen als 2019 die Kaiserin in der Wiener Frau ohne Schattenund die Capriccio-Gräfin in Frankfurt. Aber als überirdisch schön würde ich ihren Gesang nicht bezeichnen, und berührt hat sie mich nicht.
Die Marschallin, das sagte Elisabeth Schwarzkopf, die in dieser Partie überzeugte wie keine andere, ist keine Figur, mit der man auftrumpfen kann. Für die Rolle braucht es subtile Ausdrucksnuancen und eine reiche Farbpalette. Die Marschallin muss uns rühren in ihren so klugen Gedanken, in ihrer Melancholie über das Altern, in ihrem Verzicht. Wenn das alles nur so dahin gesungen wird, ist es nichts.
Oftmals sind es nur Nebensätze oder einzelne Wörter, die, entsprechend mit Elegie, Weisheit und Grandezza vorgetragen, bewegen oder eben auch nicht. Und natürlich bedarf es für die emotionalen Befindlichkeiten, wenn man sie denn schon nicht selbst durchlebt hat, zumindest der Fantasie!
Natürlich hätte ich Elisabeth Schwarzkopf allzu gerne einmal live auf der Bühne in dieser Rolle gesehen. Als sie 1971 ihre letzte Marschallin in Brüssel sang – und das muss laut Zeitzeugen ungemein ergreifend gewesen sein, auch für sie selbst – war ich erst sieben Jahre alt, das hätte ich wohl in dem zarten Alter nicht goutieren können. Zum Glück wurde sie aber in Bild und Ton Anfang der 1960er Jahre gleich zwei Mal in ihrer Paraderolle verewigt: in einer Produktion der Salzburger Festspiele unter Karajan, und in einem unveröffentlichten Mitschnitt von den Wiesbadener Maifestspielen. Beide Dokumente weisen sie unübertroffen als DIE Marschallin aus, sowohl hinsichtlich ihrer Noblesse, aber auch in dem emotionalen Amalgam aus Wehmut, Pikanterie, Generosität und Überlegenheit. Ihr nimmt man es ab, wenn sie sagt: „Leicht muss man sein: mit leichtem Herz und leichten Händen, halten und nehmen, halten und lassen“.
Wenn ich so zurückdenke, gab es freilich in früheren Jahrzehnten noch andere wunderbare Marschallinnen: die Schweizerin Lisa Della Casa, die sich nicht zufällig oft mit Schwarzkopf in der Rolle in Salzburg unter Karajan abwechselte, Gundula Janowitz und Gwyneth Jones, die mich so berührten, dass mir am Ende des ersten und dritten Akts die Tränen kamen, sowie in späteren Jahren Kiri Te Kanawa und Soile Isokoski.
Dass Karajan sich Anfang der 1980er-Jahre zu der Äußerung verstieg, Anna Tomowa-Sintow sei die Idealbesetzung, nachdem er zuvor mit Schwarzkopf und Della Casa die besten Marschallinnen an Bord hatte, fand ich unfassbar. Ich will nun die Bulgarin nicht schlecht reden, sie sang ganz passabel, aber längst nicht so nuanciert, und eine Grande Dame war sie in ihrem Auftreten eher nicht.
Felicity Lott, lange Zeit in Münchner Rosenkavalieren zu erleben, war mir stets eine Spur zu kühl, ebenso Anja Harteros in einer Produktion in Baden-Baden. Aber das lag zu einem Großteil an der Regie von Brigitte Fassbaender. Ausgerechnet die nun schrieb zwar in der titelgebenden Hosenrolle in den siebziger Jahren Operngeschichte, insbesondere in der Münchner Carlos Kleiber-Einstudierung, aber mit der Marschallin kann Fassbaender wenig anfangen. Das ist nicht nur ein Eindruck von mir, das hat sie mir in einem Interview sogar eingestanden auf meine Frage hin, ob sie es nicht wie ihre Kolleginnen Sena Jurinac und Christa Ludwig gereizt habe, vom Octavian auf die Marschallin umzusatteln, als die Hosen zu eng wurden. Ein klares „Nein“ erhielt ich da zur Antwort mit der Begründung, dass sie eben dieses Hadern mit dem Alter und das sich-im-Verzicht-Üben nicht so mag. Vielleicht war es auch einfach so, dass Fassbaender solche emotionalen Befindlichkeiten an sich selbst nicht herankommen lassen wollte. Entsprechend hat sie die Figur als Regisseurin jedenfalls inszeniert, als zu abgeklärt und erhaben über die Leiden. Ich sehe Anja Harteros noch vor mir, wie sie beim Schlagabtausch mit ihrem Liebhaber unbeteiligt ihre Haare bürstet, als ginge ihr das gar nicht nahe, dass sie den „Buben“ noch dafür trösten müsse, dass er sie „über kurz oder lang wird sitzen lassen“.
Dabei hatte Fassbaender in der besagten Aufführung unter Kleiber mit Gwyneth Jones eine sehr feinfühlige und mitnichten larmoyante Marschallin zur Seite, die allen Facetten der Figur gerecht wurde, wie Hofmannsthal sie sich vorstellte: ein halb mal lustig, ein halb mal traurig.
Deborah Voigt, die ich vor etwa 20 Jahren als Marschallin in Berlin unter Christian Thielemann sah, sang ebenfalls sehr gut, wirkte aber mit ihrer damals noch korpulenteren Erscheinung im Szenischen weniger überzeugend, Michaela Kaune, die in dieser Inszenierung von Götz Friedrich dann etwas später die Rolle übernahm, passte schon besser, erschien fast eher noch zu mädchenhaft und jung.
Am besten aus jüngerer Zeit gefiel mir Renée Fleming im Baden-Badener Rosenkavalier unter Christian Thielemann, die als Dame von Welt überzeugte und an einigen Stellen vom Timbre und seitens ihrer Diktion her verblüffend ähnlich klang wie Schwarzkopf.
Eine Entdeckung in einer Hamburger Aufführung, in der Peter Konwitschny vor längerer Zeit Regie führte, war zudem die Sopranistin Brigitte Hahn, die mit luziden, kristallklaren Spitzentönen in dem herrlichen Terzett Hab mir’s gelobt im dritten Akt aufwartete, wie sie aktuell selten geboten werden. Es war aus meiner Sicht sogar eine der besten Arbeiten von Konwitschny, in der er sich sehr vielschichtig und sensibel mit den drei Frauenfiguren und wechselnden Geschlechteridentitäten beschäftigte.
Christa Ludwig, die erfolgreich im reiferen Alter vom Octavian zur Marschallin wechselte, und von der Leonard Bernstein gesagt haben soll „simply the best“, habe ich leider in der Partie nur auf Platte gehört. Sie lebt, wie sie mir in Interviews wiederholt sagte, mit den Sätzen dieser Figur, „und wenn man das Lassen kann, dann hat man es wirklich leichter“.
In der Titelrolle hat natürlich Brigitte Fassbaender Maßstäbe gesetzt, die – abgesehen von ihren stimmlichen Qualitäten – schon deshalb so gut zu der Rolle passte, weil sie aus ihrer gleichgeschlechtlichen Liebe zu Frauen nie ein Geheimnis machte. Das entbehrte im ersten Akt, wenn Octavian und Marschallin im Bett zusammen erwachen, nicht einiger Pikanterie, unweigerlich war sie unendlich beliebt bei lesbischen Opernfans.
Sehr angetan war ich zudem von Sophie Koch in der Titelpartie, die als androgyner Typ eine hervorragende Figur machte.
Unter den großen Sängerdarstellern des Ochs ist gewiss Günter Groissböck in der aktuellen Berliner Staatsopern-Produktion ein hinreißender Komödiant, auch wenn für mich Otto Edelmann, ob nun im Salzburger Film oder Wiesbadener Mitschnitt, als ungeschickter, draufgängerischer Flegel unübertroffen bleibt.
Unvergessen als Sophie ist natürlich Anneliese Rothenberger, es war die Rolle ihres Lebens. Unzählige Male hat sie sie gesungen, aber irgendwann, als sie Anfang 50 war, erschien es ihr doch nicht mehr passend, wenn der Ochs sie als ein „junges Madel“ bezeichnet, da dachte sie, dass es doch Zeit sei, die Sophie abzugeben, sagte sie mir bei unserem Interview wenige Jahre vor ihrem Tod.
Unter den Sophien, die ich auf der Bühne sah, erinnere ich mich besonders gerne an Christine Schäfer, deren Karriere vor einigen Jahren schon fast unmerklich ohne einen Abschiedsabend endete, und an Diana Damrau.
Im Kontext mit meiner Examensarbeit beschäftigte ich mich selbstredend mit den originalen Bühnen- und -kostümentwürfen für die Uraufführung von Alfred Roller, die mir zeitlos schön erscheinen.
So wie der Rokoko-Charme der Musik eingeschrieben ist, haben mir immer die Inszenierungen am besten gefallen, in denen das Wien Maria Theresias sich wiederspiegelte, insbesondere die unverwüstliche von Otto Schenk in Wien. Aber es muss nicht unbedingt eine opulente Ausstattung her, sie darf nur nicht vulgär sein. So gesehen hatte die zur Entstehungszeit der Oper angesiedelte von Herbert Wernicke, mit einem ansprechenden Spiegelkabinett im ersten Akt, ihren Reiz.
Unter den moderneren Regiearbeiten gefiel mir am besten die von Richard Jones 2015 in Glyndebourne. Der hatte eine tolle Idee für die erste Szene: Da trat die Marschallin nach dem Aufstehen unter die Dusche, dies aber nicht voyeuristisch, vielmehr hielt Octavian ein großes Handtuch vor ihren nackten Körper, so dass das Publikum ihn nicht sehen konnte, was aber die Fantasie im Kopf ungemein beflügelte. – Dies umso mehr, als nach dem Duschen die beiden Frauen hinter dem Handtuch intime Zärtlichkeiten austauschten.
Tatsächlich werde ich auch heute noch dann und wann bei einer Rosenkavalier-Aufführung wehmütig, allerdings weniger, weil mich die Sängerinnen so stark anrühren, sondern weil ich den goldenen Jahren nachtrauere, in denen Aufführungen dieses Stückes Dimensionen erreichten, von denen man sich wohl auf absehbare Zeit verabschieden muss.
Kirsten Liese, 28. Februar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Lieses Klassikwelt (c) erscheint jeden Freitag. Ritterbands Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag. Posers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Sonntag. Ladas Klassikwelt (c) erscheint jeden Montag. Langes Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.
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Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz, Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .
Sicher, es ist Kaufmanns Entscheidung, das alles mitzumachen, aber man wird den Eindruck nicht los, dass da auch deutlicher Druck von seiner Agentur und seiner Plattenfirma gemacht wird. Die wollen die Kuh melken, solange sie Milch gibt.
von Peter Sommeregger
Der Sänger Jonas Kaufmann gehört heute zweifellos zu den populärsten und – mit Vorbehalt – besten Tenören der Welt. Diesen Status hat er sich hart erarbeitet, in den Schoß fällt einem eine solche Karriere nicht. Über die Jahre konnte man mit Bewunderung beobachten, wie sich der Sänger vom lyrischen Repertoire allmählich zum schwereren Fach, auch zu Wagner-Partien hin behutsam entwickelte. Mit seinem Lehrer und Mentor Helmut Deutsch gab er bemerkenswerte Liederabende, speziell seine Schubert-Interpretationen genügten höchsten Ansprüchen. Dass in seiner Stimme stets ein baritonaler Kern mitschwingt, gibt seinem Gesang sogar einen besonderen Reiz. „Sommereggers Klassikwelt 24: Jonas Kaufmann – Kunst versus Kommerz klassik-begeistert.de“ weiterlesen
Als wir alle hochkonzentriert und mit ernsten Mienen auf der Bühne der Philharmonie in Katowice standen, trat Peter Shannon ein. Er sah uns an und bemerkte natürlich, dass wir sehr angespannt waren, und plötzlich … streckte er einfach die Zunge raus. Natürlich bemerkte das Publikum das nicht, weil er mit dem Rücken zu ihm stand, aber sicherlich überraschte die Zuschauer der Ausdruck unserer Gesichter. Die meisten von uns machten zuerst fassungslos große Augen, und dann lächelten fast alle.
von Jolanta Lada-Zielke
Foto: Peter Shannon (c)
In meinem bisherigen Leben habe ich in acht verschiedenen Chören gesungen, die von verschiedenen Dirigenten geleitet wurden. Oft luden Chorleiter irgendwelche externe Dirigenten ein, um eines der Konzerte zu leiten, die zu besonderen Anlässen stattfanden. Einer von ihnen war Peter Shannon, der 2006 in Krakau und Katowice die Aufführung von Mozarts „Krönungsmesse“ dirigierte. Ich werde sein Charisma, seine Herzlichkeit, Fröhlichkeit und Freiheit bei der Arbeit an dem Stück nie vergessen, aber vor allem werde ich mich immer daran erinnern, was er getan hat, um uns Mut zu machen. „Ladas Klassikwelt 20, Wie kann ein Dirigent Sänger ermutigen? klassik-begeistert.de“ weiterlesen
Worin liegt der Sinn, Tonzeugnisse aufzubewahren, wenn sie niemand hören kann? Dafür wurden sie wohl kaum produziert.
von Kirsten Liese
Während der Arbeit an meinen Sendungen stöbere ich oft in Rundfunk-Archiven. Und staune hin- und wieder über kostbare, unveröffentlichte Schätze, die sich da finden.
Umso trauriger macht mich der Umstand, dass viele dieser Aufnahmen aus lizenzrechtlichen Gründen vor sich hin stauben und niemandem zu Gehör gebracht werden können. Oftmals muss ich jedenfalls auf Aufnahmen verzichten, weil meine Redaktionen hohe Gebühren zahlen müssten, für die ihnen kein Budget zur Verfügung steht, oder, noch schlimmer, weil aus vertragsrechtlichen Gründen die Aufnahmen grundsätzlich nach der Erstausstrahlung nicht mehr gesendet werden dürfen. Das betrifft zum Beispiel und ganz besonders Mitschnitte des Bayerischen Rundfunks von den Bayreuther Festspielen. Die existieren nach der Erstausstrahlung nur auf Karteikarten und schlafen wohl für alle Zeiten einen Dornröschenschlaf. „Lieses Klassikwelt 22: Vergessene Archivschätze, “ weiterlesen
Anne Byrne weist nicht ohne Stolz darauf hin, dass in fünf Jahren, noch nie ein Termin ausgelassen wurde. Aber Vorsicht: diese Veranstaltung hat hohes Sucht-Potential!
von Peter Sommeregger
Neukölln, Berlins Hochburg türkischer Migranten und die Oper: Das ist schon seit der Gründung der „Neuköllner Oper“ 1972 eine geglückte Paarung.
Seit inzwischen fünf Jahren findet aber nur wenige Schritte entfernt, im Konzertcafe Prachtwerk, jeden Monat ein Veranstaltung von Opera on Tap statt. Dieses Ensemble von OpernsängerInnen und wechselnden Gästen hatte seinen Ursprung in New York, wo in Freddy’s Bar 2005 das erste Konzert stattfand. Gegründet von der Sängerin Anne Hiatt, die wie viele ihrer KollegInnen frustriert von den kaum vorhandenen Auftrittsmöglichkeiten für junge Künstler war. Inzwischen hat dieses Projekt schon mehrere „Ableger“, hauptsächlich in Großstädten der USA, aber auch in Deutschland gibt es mit Berlin, Hamburg und Dresden schon drei Veranstaltungsorte. „Sommereggers Klassikwelt 23 klassik-begeistert.de“ weiterlesen
Nachdem ich „Les Voyageurs de l’Or du Rhin“ gelesen habe, ist mein Bild von Richard Wagner noch voller Widersprüche und seine Welt noch faszinierender. Ich empfehle dieses Buch jedem, der sich für Wagners Werke interessiert und relativ gut die französische Sprache beherrscht.
von Jolanta Lada-Zielke
In den letzten anderthalb Monaten las ich das Buch „Les Voyageurs de l’Or du Rhin“ von Luc-Henri Roger (BoD-Verlag), das während der Bayreuther Festspiele 2019 vorgestellt wurde. Dadurch erfuhr ich, wie Wagners Werke von französischsprachigen Journalisten und Kritikern zu seiner Zeit aufgenommen wurden, aber auch wie ihn seine französischen Freunde rezipierten.
Meine Vorkenntnisse zum Thema „Wagner und die Franzosen“ beschränkten sich bisher auf die Geschichte mit der „Tannhäuser“-Aufführung in Paris. Es stellte sich heraus, dass der Komponist einige Bewunderer in der damaligen Pariser intellektuellen Elite hatte und das waren: die Tochter von Théophile Gautier Judith Mendès und ihr Ehemann Catulle sowie der Schriftsteller Villiers d’Isle Adam. Die drei nannten Wagner scherzhaft „ma chère Trinité“ (meine liebe Dreifaltigkeit). Zu der Gesellschaft gehörten auch der Schriftsteller Edouard Schuré, die Komponistin Auguste Holmes und die Sängerin Pauline Viardot. Alle schilderten mit der Feder ihre Eindrücke von dem Treffen mit dem Komponisten in Luzern, von Besuchen in seinem Haus in Tribschen und von der „Rheingold“-Generalprobe in München. „Ladas Klassikwelt 19: Ein französisches Reisetagebuch – auf den Spuren des „Rheingolds“, klassik-begeistert.de“ weiterlesen
Foto: Mario del Monaco und Leonie Rysanek, (c) Lillian Fayer
Die Behauptung, Otello sei eine rassistische Oper, ist natürlich völlig absurd. Die Herrschaften, die sich zu solchem Unsinn versteigen, kennen oder verstehen das Stück offenbar nicht, verwechseln zumindest Entscheidendes. Um es mal ganz platt zu sagen: Otello ist keine böse, sondern eine tragische Figur, dessen grenzenlose Eifersucht unmittelbar mit seinem Anderssein und seiner Außenseiterrolle zu tun hat. Der Böse ist Jago, der ihn mittels heimtückischer Intrige ins Verderben stürzt.
von Kirsten Liese
Ich hätte nie gedacht, dass zwei so geniale Künstler wie William Shakespeare und Giuseppe Verdi einmal eines Anwalts bedürfen könnten.
Aber tatsächlich hat vor einiger Zeit die Deutsche Oper Berlin in ihrer Hauspublikation die Frage aufgeworfen, ob man den Otello– aus meiner Sicht eines der großartigsten Stücke Verdis neben dem Don Carlos – noch spielen dürfe. Wenn man dann weiterliest, mit welchen Argumenten ein Rassismusforscher diese Frage verneint, könnte man meinen, man habe es mit einer Satire auf das verpönte „Blackfacing“ zu tun. Ginge es nach ihm, dürfte das Werk allenfalls noch mit einem „verpflichtenden Warnhinweis wie bei Drogen oder schädlichen Medikamenten“ aufgeführt werden, da es in ihm eine „tiefe Verbindung zwischen Schwarz und Böse“ gebe. „Lieses Klassikwelt 21 klassik-begeistert.de“ weiterlesen
Sony sollte Jonas Kaufmann ruhig tief schwarz geschminkt abbilden, wie es bis vor nicht allzu langer Zeit der Fall war. Aufnahmen mit del Monaco, später mit Domingo zeigten die Sänger alle als Dunkelhäutige.
William Shakespeare, auf dessen Theaterstück Giuseppe Verdis Oper „Otello“ basiert, nannte es im Untertitel „Der Mohr von Venedig“ – das Grundthema ist das Zerbrechen des schwarzen Feldherren Otello an seinen ethnisch bedingten Minderwertigkeitskomplexen und der Diskriminierung, die er deswegen erfährt. Welchen Sinn soll es machen, Otello mit weißer Hautfarbe auf die Bühne zu stellen ? Das Stück verliert seinen Sinn, und die schwarze Schminke, die man dem Schauspieler oder Sänger verpasst, will dies nur deutlich machen.
von Peter Sommeregger
Die Plattenfirma Sony hat für März 2020 die Veröffentlichung einer neuen „Otello“-Gesamtaufnahme mit Jonas Kaufmann in der Titelrolle angekündigt. Das wäre kein Grund, darüber schon vorab einen Artikel zu schreiben.
Am 13. Februar 1883 starb Richard Wagner im Alter von 69 Jahren in Venedig. Er wohnte dort im Palazzo Vendramin am Ufer des Canal Grande. An diesem Tag fühlte er sich irgendwann schlecht und rief nach Cosima. Als er auf das Sofa gelegt wurde, fiel seine Uhr aus der Westentasche.
Er sagte „Meine Uhr!“, und das waren seine letzten Worte.
von Jolanta Lada-Zielke
„Die Uhr hatte keinen Schaden erlitten, sie tickte fröhlich weiter, während das kranke Herz ihres Besitzers für immer aufgehört hatte zu schlagen“,so schrieb Imre Keszi im Lebensroman Richard Wagners, „Unendliche Melodie“.
Einige sehen einen symbolischen Inhalt der letzten Aussage des Komponisten. Sie hat mich dazu inspiriert, ein Gedicht zu schreiben, zunächst auf Polnisch, dann habe ich es dem Dichter und Musiker Joachim Neander, der in Krakau lebt, ins Deutsche übersetzen lassen. Ich habe versucht mir vorzustellen, was der Mensch Richard Wagner im letzten Augenblick seines Lebens gedacht hat – ein Mensch, der genauso viel Liebe wie Hass verursachte, aber dessen Musik so faszinierend ist.