Weisst du, wie das wird?

Foto: © Monika Rittershaus
Richard Wagner, Götterdämmerung

Hamburgische Staatsoper, 2. Dezember 2018

Ulrich Poser berichtet über die Aufführung der Götterdämmerung  in der Hamburgischen Staatsoper vom 2.12.2018

Andreas Schager lieferte die gewohnte One-Man-Show als Altsiegfried und wurde am Ende wieder massiv vom sonst eher kühlen Hamburger Publikum bejubelt. Er sollte aber aufpassen: Diesmal verausgabte er sich in den ersten beiden Akten derart, dass er den 3. Akt nicht mehr vollständig „packte“. Die zugegebenermaßen höllisch anspruchsvollen, weil sehr hoch notierten, Waldvögeleinzitate musste er stellenweise um einiges nach unten transponieren, damit er kein stimmliches  Desaster erleidet. Er hat diese kleine Mogelei professionell gehandhabt, und sie dürfte vielen, weniger wagnergeschulten Zuhörern auch gar nicht aufgefallen sein; das aufmerksame Rezensentenohr hingegen übermittelte die Warnzeichen deutlich. Weißt du, wie das wird? Schager täte gut daran, sich die Sangeskraft besser einzuteilen. 10 Prozent im 1. und 10 Prozent im 2. Akt Stimmeskraft weniger, sicherten ihm die notwendigen 100 Prozent im 3. Akt. Grandios übrigens, wie er in Gunthers Gestalt stimmlich baritonal den Gibichung gab.  „Richard Wagner, Götterdämmerung, Hamburgische Staatsoper, 2. Dezember 2018“ weiterlesen

"Ein Ohrwurm plagt mich seit Tagen": Stehende Ovationen für "Tosca" in Hamburg

Foto: Westermann (c)
Staatsoper Hamburg
, 28. November 2018
Tosca – Melodramma in drei Akten von Giacomo Puccini(1858 – 1924) nach dem Theaterstück „Tosca“ von Victorien Sardou

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Chor der Staatsoper Hamburg
Hamburger Alsterspatzen
88. Vorstellung seit der Premiere am 15. Oktober 2000
Musikalische Leitung: Pier Giorgio Morandi
Inszenierung: Robert Carsen
Bühnenbild und Kostüme: Anthony Ward
Lichtkonzept: Davy Cunningham

 von Teresa Grodzinska

Ich wollte eine veritable Kritik schreiben, Stellung beziehen, Kontrapunkte setzen, kritisch hinterfragen… vergeblich. Ein Ohrwurm plagt mich seit Tagen: die Arie des Cavaliere Cavaradossi „E lucevan le stelle“ (Und Sterne leuchten).

Ich kenne diese Arie: Als kleines Mädchen sah ich meine Mutter zum ersten Mal weinen, als aus unserem Radio (Marke: Tesla) diese Musik ertönte. Caruso, sagte meine Mutter. Er sieht wie eine Kröte aus, wenn er singt, aber … hör zu. Er ist der beste Tenor der Welt. „Giacomo Puccini, Tosca, 28. November 2018, Adina Aaron, Marcelo Puente, Andrzej Dobber,
Staatsoper Hamburg“
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Das Ende kommt schleppend: "Götterdämmerung" in Hamburg

Der Alleinunterhalter Andreas Schager mimt einen Siegfried, der vom liebenden Mann zum Macho übergeht; er bleibt dem Spielerischen aber immer treu. Er strotzt mehr vor Kraft als vor Liebe, auch stimmlich.  Schagers jugendliche Art ist perfekt für diese Rolle, allerdings setzt er bei seiner Interpretation auf Lautstärke statt auf Genauigkeit. An einigen Stellen könnte es, auch wenn seine große Stimme beeindruckend ist, gern musikalischer und lyrischer sein.

Foto: Westermann (c)
Hamburgische Staatsoper
, 25. November 2018
Richard Wagner, Götterdämmerung

von Sarah Schnoor

Ein langer „Ring“ geht zu Ende. Fast vier Wochen nachdem der erste Ton vom „Rheingold“ erklang, findet Richard Wagners bombastische Ring-Tetralogie an der Hamburgischen Staatsoper ihren Abschluss mit der „Götterdämmerung“. Nicht nur die Wartezeit zwischen den einzelnen Opern war lang, auch die Musik im letzten Teil sorgte für ein schleppendes Ende. Zäh kämpft sich der Generalmusikdirektor Kent Nagano durch die Partitur und bekommt das Orchester an vielen Stellen nicht so richtig zusammen. Dafür geben die Sänger alles und retten den Abend über die spannungsarme Interpretation und die einschläfernde Wärme im ausverkauften Haus hinweg. „Richard Wagner, Götterdämmerung,
Hamburgische Staatsoper, 25. November 2018“
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Staatsoper Hamburg: Dieser Siegfried ist ein Kraftprotz und ein Strahlemann

Foto: © David Jerusalem
Siegfried und Schager, das scheint einfach organisch. Schagers Darstellung strotzt von Energie, ist dynamisch und sehr laut, ohne Ermüdungserscheinungen. Spielerisch wie sängerisch ist sein Siegfried ein Kraftprotz und ein Strahlemann.

Staatsoper Hamburg, 23. November 2018
Richard Wagner, Siegfried

Siegfried: Andreas Schager
Mime: Jürgen Sacher
Wanderer: John Lundgren
Alberich: Jochen Schmeckenbecher
Fafner: Alexander Roslavets
Erda: Doris Soffel
Brünnhilde: Lise Lindstrom
Waldvogel: Elbenita Kajtazi
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Musikalische Leitung: Kent Nagano  

von Leon Battran

Siegfried, beherzt und bärenstark, fürchtet sich vor nichts und niemandem. Er ersticht den Drachen, badet sich in seinem Blut. Er setzt sich gegen seinen arglistigen Ziehvater zur Wehr, ja, trotzt sogar dem Stabe Wotans, durchschreitet die Feuerlohe und dann: trifft der in Sachen Fürchten Unbelehrbare zum ersten Mal auf ein Mädchen seiner Spezies. Das lässt ihm den Schrecken in die Glieder fahren! Da schwankt und schwindelt ihm der Sinn. „Richard Wagner, Siegfried, Andreas Schager, Kent Nagano,
Staatsoper Hamburg, 23. November 2018“
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"Wie der Fisch übern Wald weh´ ich dahin..."

Foto: © David Jerusalem
Der Tenor Andreas Schager in Hamburg: Laut, stimmgewaltig, schauspielerisch überzeugend, sportlich und lustig textschöpferisch.

Staatsoper Hamburg
, 23. November 2019
Richard Wagner, Siegfried
Ulrich Poser berichtet über die Aufführung des „Siegfried“ aus der Hamburgischen Staatsoper vom 23. November 2018
Das Haus stand Kopf vor Freude. Kent Nagano sei Dank! Zum ersten Mal seit dem Jahre 2005 hat das Philharmonische Staatsorchester Hamburg wieder Weltklasseniveau erreicht. Wie ein Magier führte Nagano die einzelnen Orchestergruppen zusammen und ließ so an diesem Abend etwas ganz Großes entstehen. Kunst. Bereits das kurze leise Vorspiel zum 1. Aufzug war überwältigend akkurat, dynamisch, ausgewogen und glasklar. Und wieder waren es die Streicher, die bei der Umsetzung der Wagnerschen Tonsprache federführend begeisterten und ins Schwärmen geraten ließen. Rein exemplarisch sei auf das musikalische Zitat des Siegfried-Idylls verwiesen. Die Leistung Naganos und seinem Team ist derjenigen anderer Großer, zum Beispiel eines Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin, wieder ebenbürtig. Endlich. Es ist an der Zeit, dass sich die federführenden Feuilletons wieder für das Haus an der Dammtorstraße interessieren.

„Richard Wagner, Siegfried, 23. November 2019,
Staatsoper Hamburg“
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"Siegfried" in Hamburg: Andreas Schager hat ein Organ. Seine Stimme ist ein Naturwunder. Sehr laut. Ohne Piano und Übergänge

Staatsoper Hamburg, 18. November 2018
Der Ring des Nibelungen
Siegfried
Zweiter Tag des Bühnenfestspiels von Richard Wagner
Foto: David Jerusalem (c)

Musikalische Leitung: Kent Nagano
Inszenierung: Claus Guth
Bühnenbild und Kostüme: Christian Schmidt
Licht: Michael Bauer
Siegfried: Andreas Schager
Der Wanderer: John Lundgren

Ein Gastbeitrag von Teresa Grodzinska

Mein drittes Rendezvous mit Wagners großer Musik ist Siegfried, der wilde Zögling von Mime, Sohn von Siegmund und Sieglinde, Enkel des göttlichen, wilden Wotan.

Das Vorspiel ähnelt jedes Mal mehr Filmmusik. Ich kann nicht anders – für mich ist Wagnersche Musik die Vorwegnahme all der  Hollywood-Gefühls-Hits der 1950er- und 1960er-Jahre des 20. Jahrhunderts.

Der Vorhang geht auf, und wir erleben wieder eine Überraschung: einen Vater-Sohn-Schlafraum. Karg, chaotisch, etwas zwischen Einraumwohnung und Krankenstation. Vertrautes Bild aller Alleinerziehenden: kaum Zeit für sich, wenig Geld, also kein Kinderzimmer, Hausarbeit macht man zwischen Geldverdienen und Kindererziehung. Das Kind kommt immer zu kurz, also wird das Kind verhätschelt… „Richard Wagner, Siegfried, Andreas Schager, John Lundgren, Kent Nagano,
Staatsoper Hamburg“
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SIEGFRIED IN HAMBURG: ANDREAS SCHAGER AT HIS BEST!

Foto: Andreas Schager, David Jerusalem (c)
Staatsoper Hamburg
, 18. November 2018
RICHARD WAGNER, SIEGFRIED

von Dr. Holger Voigt

Der Hamburger „Ring“ kommt unaufdringlich daher – und das ist gut so. Nach jahre-/jahrzehntelanger Ring-Abstinenz hat Hamburg nun wieder einen vollständigen „Ring“ – Simone Young brach das Eis und ebnete den Weg. Jetzt scheint die Vergangenheit vergessen, und Hamburg wächst sein „Ring“ zunehmend ans Herz. Die Akzeptanz nimmt kontinuierlich zu, was gut für das Haus und seine Besucher ist.

Der Hamburger Siegfried kommt in einer sehr schönen Inszenierung von Claus Guth zur Aufführung: Modern und romantisch zugleich, mit einer gehörigen Prise an Selbstironie und Humor, nie übertrieben, gleichwohl witzig im Detail (da muss man erst einmal drauf kommen: eine Waschmaschine als Amboss! Papierschwalben als Waldvögelchen – eine davon von Siegfried auf Kent Nagano am Pult gerichtet in Bewegung gesetzt….). Alles eingebettet in romantisierenden Bühnenbildern von Christian Schmidt, die indes nie Gefahr laufen, zum „Freischütz“ zu werden. „RICHARD WAGNER, SIEGFRIED, Andreas Schager, Kent Nagano,
Staatsoper Hamburg“
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John Lundgren, Gott und Held

Foto:  © Monika Rittershaus
Richard Wagner, Die Walküre, Hamburgische Staatsoper,
11. und 16. November 2018

Ulrich Poser
berichtet über die beiden Walküre-Aufführungen
in der Hamburgischen Staatsoper

„Wie kann man nur innerhalb weniger Tage zwei Mal in die Walküre gehen?“, wird der Rezensent gefragt. „Warum denn nicht?“ lautet die Gegenfrage. Es gibt Menschen, die könnten – und möchten – nahezu jeden Abend in die Oper oder ins Konzert gehen. Solche Menschen gehen davon aus, dass ein Tag ohne Aufführung ein vertaner Tag ist. Sind diese Menschen irre? Mag sein.  „Richard Wagner, Walküre, Hamburgische Staatsoper, 11. und 16. November 2018“ weiterlesen

Sparsam im Bühnenbild, üppig im Klang: Dem Meister hätte "Die Walküre" in Hamburg gefallen

Foto: Westermann (c)
Staatsoper Hamburg,
11. November 2018
Der Ring des Nibelungen

Die Walküre
Erster Tag des Bühnenfestspiels mit Vorabend von Richard Wagner (1813-1883)
Libretto: Richard Wagner
18. Vorstellung seit der Premiere am 19. Oktober 2008

Ein Gastbeitrag von Teresa Grodzinska

Vier Stunden Richard Wagner mit jeweils 30 Minuten Pause zwischen den einzelnen Aufzügen. Das Parkett und die ersten beiden Ränge sind voll. Der Altersdurchschnitt wird mit jeder Vorstellung jünger: beim “Rheingold” vor knapp zwei Wochen waren mehrere Yuppies (Young urban professionals) anwesend. Sie hielten die Vorstellung tapfer durch und wurden nie wiedergesehen. Jetzt, bei der „Walküre“, waren viele ganz junge – vor allem männliche – Zuschauer anwesend. Schmal, gut angezogen, sehr ernst. Wahrscheinlich haben sie gerade Nietzsche/Schopenhauer/Wagner gelesen.

Ja, gelesen. Richard Wagner ging in seinem Schaffen äußerst pragmatisch vor. Er notierte seine Ideen in Prosa, dem folgte eine lyrische Fassung, die Musik kam als letztes. An dem “Ring” arbeitete er insgesamt 21 Jahre. Das Wort “Musik” reicht irgendwie nicht ganz, um das, was zwischen dem Orchestergraben, Bühne und dem Publikum-Raum geschieht, zu beschreiben. Es gibt im Französischen den Begriff “Son et Lumière” (Klang und Licht). Der Klang, die Farbe und Intensität je nach Bühnengeschehen, der Anspruch einer Ganzheit aus Ton, Bild und Sprache, gehört zu Wagner. Und wer Wagner nicht kennt, kennt die Möglichkeiten der Oper nicht. Er nahm vorweg, was wir heute im Kino erleben: sich in dem Sessel einkuscheln und in eine Geschichte ganz und gar eintauchen. „Richard Wagner, Die Walküre,
Staatsoper Hamburg“
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Mais non! Bitte nicht so! Manon Lescaut floppt in der Staatsoper Hamburg

Foto: Westermann (c)
Staatsoper Hamburg, 13. November 2018
Manon Lescaut

Dramma lirico in vier Akten von Giacomo Puccini
Libretto nach Abbé Prevosts Roman “Manon Lescaut” von Giacomo Puccini

Ein Gastbeitrag von Teresa Grodzinska

Das Schönste an der Vorstellung waren die leuchtenden, blonden Haare des Dirigenten, Christoph Gedschold, als er sich am Anfang verbeugte – danach ging es bergab.

Die Manon, von Maria Lose Siri (Sopran) gesungen, ist eine in roten Samt gehüllte, dralle Blondine. Ich weiß, dass früher alle Sängerinnen drall waren und man darüber gnädig hinwegsah, aber sie konnten singen! Das konnte Manon an diesem Abend nicht. Ein einziges Mal wuchs ihre Stimme über das untere Mittelmaß hinaus, als sie im Duett mit Jorge de Leon (Cavaliere Des Grieux, Tenor) im ersten Akt sang. Ganze zwei Minuten erstarrte das Publikum. Vielleicht wird es doch was?  Anfangsschwierigkeiten? Es gab Unstimmigkeiten zwischen dem Dirigenten und dem Chor, die Orchesterstimmen liefen auseinander. Aber das Publikum ist geduldig, verharrt lange und verzeiht vieles, wenn am Ende das Gefühl überwiegt, dass man eine gute Vorstellung gesehen hat. Und das Magische daran ist, dass das Publikum als Ganzes ein untrügliches Gespür für “gut” besitzt. „Giacomo Puccini, Manon Lescaut,
Staatsoper Hamburg“
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